Warum man mit einem Work & Travel Visum durch Kanada reist oder: Glück ist, wenn der Grizzly vor dir steht

Sebastian, Work & Travel Nomade, Weltweit


Basti, warum zum Teufel geht man mit einem Work & Travel Visum nach Kanada?

Nun, ich denke das war eher Teil eines großen Ganzen: 2012 hatte ich die tolle Idee ich müsste alles in Deutschland verkaufen und mit meinem Rucksack ein paar Jahre in die Welt aufbrechen. Der grobe Plan war: ich bleibe so ungefähr 3 Jahre unterwegs. Australien, Asien und Kanada waren fest gesetzt. Australien und Kanada jeweils mit Work & Travel Visum. Ich hatte damals aber zunächst nur ein Work & Travel Visum für Australien. Nach Kanada wollte ich auch, aber erst im letzten Jahr meiner 3-Jahres-Reise.

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Basti

Als es dann soweit war, habe ich mich auf ein Work & Travel Visum für Kanada beworben und hatte Glück, eines der letzten bekommen zu haben (waren nur 2.200 verfügbar). Das war 2013 und der Antrag schon mit gewissem Aufwand verbunden. Auf jeden Fall hatte ich dann im Januar 2014 das Visum in der Tasche. Auf Kanada und Alaska hatte ich schon immer eine große Vorfreude und Neugier und wollte dort immer mal hin. Auf der einen Seite wegen der Tiere und der Natur, auf der anderen Seite, weil ich wissen wollte, ob es dort nochmal ein anderes Gefühl von „Weite“ und „Größe“ gibt als zum Beispiel in Australien. Die Wildnis von Kanada hat mich sehr gereizt und der, im Vergleich zu Asien, ganz andere Reisestil. Und ich wollte schon immer mal Grizzlies sehen. All das mit arbeiten zu verbinden hat sich einfach durch das Work & Travel Visum angeboten.

Ok, die wichtigste Frage vorab: hast du Grizzlies gesehen?

Ich habe ca. 8 Wochen gesucht und dann fünf frei lebende Bären im Denali Nationalpark gesehen. Dort, wo auch der Film „Into the Wild“ spielte.

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Grizzly

In welchen Orten hast du gearbeitet? Und was hast du genau gemacht?

Weltweit waren das mittlerweile ganz unterschiedliche Orte und Jobs, aber nur auf Kanada bezogen:

  • in North Vancouver habe ich in einer Baufirma für Wohnparks gearbeitet und dort Mängel vor Übergabe der Wohnungen behoben. Also kleine Schäden ausgebessert an Böden, Wänden oder der Einrichtung.
  • Im China-Viertel an der East Hastings Street hatte ich auch einen ähnlichen Job. Jeder, der schon in Vancouver war, geht nicht gern in diese Gegend. Die Leute an sich waren zwar grob, aber doch recht angenehm.
  • Und in der Nähe zur kanadisch-amerikanischen Grenze hatte ich auch einen Job als Maler.
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He works hard for the money

Wie bist du zu den Jobs gekommen? Und hat man als deutscher Handwerker wirklich einen Image-Vorteil?

Die Jobs habe ich eigentlich immer Online gefunden. Zum Beispiel auf Kijiji. Ich hatte dort immer eine Anzeige drin oder habe die Leute, die jemanden gesucht haben einfach angerufen. Richtig beworben, also so wie man das in Deutschland kennt, habe ich mich nie wirklich. Ich habe halt einen oder zwei Tage zur Probe gearbeitet und das hat immer gut funktioniert.

Ich weiß nicht, ob wir einen Image-Vorteil haben. Ich glaube eher nicht. Vielleicht hatten die Firmen aber gute Erfahrungen mit Deutschen, die mit einem Work & Travel Visum unterwegs sind. Am Ende ist es wohl so, dass in Kanada, genau wie hier in Deutschland, gute Handwerker eher Mangelware sind.

Kanada ist ja jetzt nicht das günstigste Land. Kann man dort von den Jobs gut leben und immer noch reisen?

Ich habe zwischen 22 und 26 Kanadische Dollar in der Stunde bekommen. Wenn du jetzt mit wenig Geld nach Kanada kommst und über den Herbst und Winter ca. 6 Monate arbeitest und nicht viel Geld ausgibst, wirst du ab Frühling und Sommer wunderbar reisen können. Jedoch ist Handwerksarbeit meist auch super bezahlt. In der Gastronomie oder anderen Service-Bereichen sieht das leider ganz anders aus.

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Die Weite Alaskas

Meine Erfahrungen mit der Arbeit waren so wie in Deutschland: wenn ein Fremder, dazu ein Ausländer, in die Firma kommt, sind zunächst erst einmal alle skeptisch. Aber das weicht sehr schnell einer positiven und freundlichen Stimmung (was in Deutschland nicht immer so ist). Das hatte ich auch in anderen Ländern erlebt.

Ich hatte immer positive Erfahrungen und jede Menge Spass. Das ist für einen als ausländischen Gast ja auch nicht immer leicht.

Aber ja: man sollte nicht alles so ernst nehmen im Leben und positiv denken. Dann kommt das auch so zurück. Ich habe gut verdient und wurde immer fair behandelt. Das Tolle war in Kanada, wie auch in Australien: die arbeiten dort um zu leben und genießen die Freizeit. Hier leben wir mehr für die Arbeit und machen sehr wenig zusammen in unserer Freizeit.

Wo hast du gewohnt als du gejobbt hast? Und welche Erfahrungen hast du da gemacht?

Das ist ne recht lustige Sache. Ich habe da alles Mögliche gemacht:. Ich war im Hostel, hatte eine WG oder habe auch eine Zeit lang im Auto/ Camper gewohnt.

Das Beste war immer noch das Camp im Wald für fast 2 Monate.

Wenn ich im Zelt oder Auto gewohnt habe, habe ich halt auch immer eine ganze Stange Geld gespart. Nach meiner Rückkehr nach Deutschland würde ich eigentlich auch gern in einem Camper wohnen.

Du hast zwei Monate in einem Camp im Wald gewohnt?

Ja, wobei: das war an sich kein Camp; wir haben es so ausgebaut, mitten im Wald. Eine Feuerstelle, zwei Zelte und Sitzmöglichkeiten, ein Tisch usw. Wir standen also mit den Campern und den Zelten einfach im Wald und haben uns da was aufgebaut. „Wir“ waren ein weitere Deutscher, ein Engländer, ein Amerikaner und ich. Vom Camp konnte ich morgens einfach die Straße runter zur Arbeit gehen. War eine wunderschöne Zeit!

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„We put the Glamour in Camping“

Wie lang warst du insgesamt in Kanada und musstest du dich für Work & Travel Visum dort irgendwie besonders vorbereiten?

In Kanada und Alaska war ich zusammen ca. 8 Monate. Das Visum zu bekommen war nicht so einfach wie zum Beispiel für Australien. Das war viel mehr zu organisieren (Anm.: Checkliste gibt es hier): Du brauchst ein Führungszeugnis usw. Spezielle Impfungen oder so hatte ich nicht. Und die Unterlagen hatte ich schon zusammen als ich 2012 gestartet bin.

Man muss in Canada dann eine Steuernummer beantragen, ein Bankkonto eröffnen und dann kann die Jobsuche beginnen.

Mein Tipp? Care less!

Man sollte beachten, dass das Kontingent an Work & Travel Visa für Kanada beschränkt ist. Und: das Visum und die Arbeitserlaubnis sind gesondert. Also nicht inbegriffen so wie in Australien.

Was würdest du denn jemandem raten, der auch Work & Travel in Kanada machen möchte?

Hmm, das kommt natürlich immer auf die Person an. Generell würde ich einfach losfliegen. Und eine Steuernummer und ein Bankkonto besorgen. Beides dauert keine 3 Stunden.

Wenn es das Geld zulässt, würde ich zu Beginn reisen, denn unterwegs ergeben sich einfach sehr viele Möglichkeiten. Müsste ich erst arbeiten um zu reisen, würde ich außerhalb der Städte arbeiten. Man verdient mehr und gibt weniger aus. Auch ist das Leben der Locals anders als in der Stadt. Einfach näher am Einheimischen.

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Wandern in den Rockies

Ein Tipp, den ich gerne teile ist: man sollte einfach die Dinge zu Hause lassen, die einen zu Hause beschäftigen. Keine großen Erwartungen an sich, das Land oder die Leute haben. Einfach aufbrechen und seinen Traum ausleben. Vor Ort frei entscheiden und einfach die Freiheit, die so eine Möglichkeit, die das Work & Travel Visum bietet, genießen.

Care less!

Ich weiß, das ist immer verdammt schwer und oft einfach öde, aber: was war dein schönster Moment in Kanada? Und was ein miesester?

Auf meiner Liste standen: Grizzlies sehen, die Nordlichter sehen, Gletscher, Elche, Orcas und Wale sehen. Und die Liste ist abhakt. Alaska war ein einmaliges Erlebnis! Und Kanada mit seinen Weiten und den Wanderungen am Yukon einfach der Hammer! Und die Rocky Mountains. Und die Stille. Und die Weite. Und die Tiere. Die Grizzlies endlich nach Wochen der Suche in freier Wildbahn zu sehen war grandios!

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Auf diesem Foto ist ein Elch versteckt.
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Wal in Alaska

Wirklich Schlechtes gab es auf meiner Reise eigentlich nie.

Anm. von Inspiranha: doch, gab es. Jedoch sind diese Informationen leider nicht für die Öffentlichkeit bestimmt. Aber lasst euch versichert sein: sie sind lustig.

Was sind deine nächsten Pläne?

Jetzt Ende November fliege ich nach Palau bis Ende Dezember. Dann werde ich noch eine Motorrad-Tour durch Laos und Vietnam machen. Indien steht auf der Liste genau wie Afrika. Ende April 2016 gehts dann wieder fest nach Deutschland.

Nach fast 1.300 Tagen on the road!

Gibt es was, das du unterwegs am meisten vermisst?

Ich denke das hängt davon ab, wie ich ich selbst gerade drauf bin. Bin ich selber negativ oder habe gar eine schlechte Phase, vermisse ich automatisch. Seien es Freunde oder die Oma oder auch eine feste Beziehung. Oder ich vermisse auch mal ein geregeltes Leben. Und wenn ich im Zelt schlafe, vermisse ich ein großes tolles Bett. Aber im Großen und Ganzen vermisse ich nicht wirklich viel, wenn ich unterwegs bin. Das bringt das Reisen ja mit sich.

Da du ja sehr viel reist: kannst du was zu deiner Ausrüstung bzw. Packliste sagen?

Grundsätzlich kann ich sagen: weniger ist mehr! Wenn man viel unterwegs ist, muss der ganze Kram ja auch getragen werden. Ich habe seit 3 Jahren einen 50 Liter Rucksack. Die Ausrüstung hängt natürlich auch von den Zielen ab, die man bereisen möchte. Und man sollte in qualitativ hochwertige Sachen investieren: Kleidung, die leicht und robust ist und schnell trocknet. Zudem kann man sich vor Ort immer alles kaufen. Also, Mädels: die Drogerie-Artikel lieber vor Ort kaufen und nicht den Rucksack damit voll packen.

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Mann mit Sachen

Und eine zweite Kreditkarte ist Gold wert!

Alles, was man vor Ort bekommen kann, ist eigentlich überflüssig und sollte nicht unnötig geschleppt werden. Wenn ich jetzt nach Asien reise, dann habe ich nur meinen 30 Liter Dryback dabei.

Letzte Frage: warum stehst du morgens auf?

Das schwankt. Mal fehlt der Antrieb, mal ist da so viel positive Energie, dass ich eigentlich nur aufstehe, um etwas zu erleben oder weil ich einfach happy bin. Dann ist da auch das normale leben. Da stehe ich oft auf weil ich auch einfach muss. Generell stehe ich gern auf morgens. Wenn das aus einem Antrieb bestimmt sein soll, dann weil es toll ist zu leben und auch, frei leben zu dürfen. Wir haben nur ein Leben und das sollte man auch auskosten.


Interview geführt im November 2015

Alle Fotos mit freundlicher Genehmigung des Urhebers

 

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