Warum man mit einem Bulli durch Skandinavien fährt oder: wenn man nichts erwartet und alles bekommt

Philipp, digitaler Experimentator, stuttgart


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Die Route

Philipp, warum zum Teufel fährt man drei Monate mit dem Bulli durch Skandinavien?

Meine Freundin Uli und ich haben uns Ende 2014 dazu entschieden, eine berufliche Auszeit zu nehmen. Ich habe dafür meinen Job gekündigt; Uli eine Pause eingelegt. Wir wollten nochmals raus, was komplett Neues und auch Verrücktes machen und den Kopf frei bekommen. Da Uli ihren Hund Chima keine 3 Monate im elterlichen Haus zurücklassen konnte und wollte, waren unsere Reiseziele schon mal auf Europa eingegrenzt. Ausschließlich mit dem Rucksack zu reisen war auf unserem Kontinent keine Option, ein Bulli schon viel mehr. Und da wir beide noch nie in Skandinavien waren (ausgenommen ein Städtetrip nach Kopenhagen) und die nördlicheren Gefilde uns allerlei Raum und Naturschauspiele bieten, war es relativ schnell klar, dass es durch Skandinavien gehen sollte. Der Rest war Abenteuer, ich glaube wir wussten zu dem Zeitpunkt noch nicht ganz genau, worauf wir uns da eingelassen haben. Wir hatten einfach nur richtig Bock darauf.

Ihr habt euch einen t3 Bus gekauft für den Trip. Wie habt ihr denn euren Bus gefunden? Und (weil das wohl viele interessieren wird) magst du sagen was ihr bezahlt habt?

Als die Entscheidung mit dem Bus zu reisen gefallen ist, fing auch die Suche nach dem Bulli an. Immer wieder haben wir die Online-Marktplätze durchforstet, um ein passendes Modell zu finden. Klar war, dass die 50 PS Motorvariante zu schwach für die Reise ist. Auch klar war, dass wir einen Hochdach-Bulli benötigen, um genug Platz für uns drei zu haben.

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Der Bus

Im Februar waren wir auf einer Geburtstagsparty einer meiner Kollegen. Anna (ehemalige Kollegin und Schrauberin) war ebenfalls dort. Ich habe die Chance genutzt, sie auf meine Suche anzusprechen, ohne die genauen Gründe zu nennen – mein Arbeitsvertrag war zu diesem Zeitpunkt noch nicht gekündigt. Von da an hat sie selbst nach Angeboten gesucht und mir immer wieder Vorschläge geschickt. Parallel hat sie mir bei Anfragen zu potentiellen Bullis mit der Formulierung fachspezifischer Fragen unterstützt. So fielen einzelne Fahrzeuge direkt bei der Erstanfrage raus.

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Home is where the Proviant is

Ende Februar hatten wir dann einen in Aussicht in der Nähe von Karlsruhe. Da der Bus ein Saisonkennzeichen hatte, war eine Probefahrt erst am ersten März. möglich. Da ich der erste Interessent für den Termin war, hatte ich Vorrecht für Besichtigung und Kauf. Anna hat mich auf die Besichtigung begleitet und sich unter den Bus gelegt, um die Schwachstellen darunter zu prüfen. Nach etwas mehr als einer halben Stunde war der Wagen geprüft, nach kurzer Verhandlung wurde der Kauf am Kaffeetisch besiegelt.

Wir wussten nicht worauf wir uns eingelassen hatten. Wir hatten aber einfach nur richtig Bock.

Den konkreten Preis mag ich nicht nennen, nur so viel: T3 Bullis kannst Du sehr günstig kaufen, dann hast du aber Schrott. Ab 5.000€ kannst Du was finden, steckst dann aber  noch richtig Geld rein. Nach oben gibt es keine Grenzen, die meisten Angebote liegen zwischen 8.000 und 15.000€. Bei sehr unterschiedlichen Zuständen.

Unser Bus war in sehr gutem Zustand und wir haben einen sehr fairen Preis bezahlt. Aber zur Relation: bei sehr gutem Zustand haben wir noch ca. 1.000€ in neue Reifen und Stoßfänger und eine Aufbereitung des Lacks reingesteckt. Jetzt folgen irgendwann die Bremsen, die nach den hinzugekommenen 11.000km dann auch durch sind. Auf der Reise haben wir einen T3 Fahrer aus Hamburg gesprochen, der ca. 4.500€ gezahlt hatte für seinen Bulli. Er hat das gleiche nochmals reingesteckt und war noch nicht fertig. Den Innenzustand hab ich nicht gesehen, aber da ist unserer eh schwer schlagbar. Man muss halt wissen, was man selbst machen kann und will und ob sich dann der erstmal günstigere Kauf der Karosse lohnt. Ich bin total happy, dass wir es so gelöst bekommen haben, wie es jetzt ist. Der Bulli ist ein echtes Schätzchen und hat keinerlei Zicken gemacht.

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Camping in Dänemark

Ihr seid zu Beginn von Stuttgart Richtung Flensburg und dann einmal komplett durch Dänemark gefahren. Was geht in Dänemark?

Wir waren ja zweimal dort, am Anfang und Ende der Reise. Geplant hatten wir zeitlich mit ca. 10-14 Tagen für Westjütland auf der Reise in den Norden. Letztlich waren wir in 7 Tagen durch. Fakt ist: Sehenswürdigkeiten gibt es dort ebenso wenige wie landschaftliche Sensationen. Die weitläufigen Strände und Dünen sind super schön, aber daran gewöhnt man sich schnell. Fairerweise muss man aber sagen, dass es im Hochsommer bei wärmeren Wasser- und Lufttemperaturen sicher noch toller ist. Bei uns war es Anfang Juni, Temperaturen um die 15 Grad, das Wasser noch kalt. Meine Meinung ist, dass Dänemark mit Kindern als Familie oder in einer Gruppe mit Freunden in einem Haus am Strand für eine Woche eine tolle Sache ist. Und über Kopenhagen muss man eigentlich nicht viel sagen. Diese Stadt ist ein Traum. Gut gekleidete Menschen, leckeres Essen, alles mit dem Rad erreichbar. Ich war das zweite Mal da und hab Uli mit dem Rad die Stadt gezeigt. Wir hatten beide gleich viel Spaß beim Srrampeln gegen den Wind.

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Philipp, Uli und Chima an der Westküste Dänemarks

Wie habt ihr die Campingplätze unterwegs gefunden?

Gestartet sind wir mit einem Campingguide des ADAC für Deutschland und Nordeuropa. In Deutschland empfiehlt sich mit einem Wohnmobil oder Bulli die Stellplatz-App mobil life meiner alten Kollegen von promobil. Die Stellplätze sind keine Campingplätze, bieten aber teils ähnlichen Komfort und sind mit ca. 10€/Nacht deutlich günstiger. In Dänemark waren wir dann mit dem ADAC Guide unterwegs, der unter anderem auch anzeigt, ob es Wifi gibt (stimmt jedoch oft nicht), wie groß er ist, wie viele Dauercamper dort stehen etc. und wie in etwa die Preise sind. Ab Schweden lief dann vieles über Empfehlungen von anderen Campern oder auch Infoblättern von Camping-Verbänden. In denen sind dann beispielsweise 10 Plätze organisiert, ab 6 Übernachtungen bekommt man die 7. umsonst. Uns gings da weniger um die Gratis-Nacht als vielmehr um ähnliche Qualität der Plätze und ersten Inspirationen für die nächste Station. Manchmal waren diese Guides der Verbände sogar entscheidend, wo wir als nächstes halten, weil die Bilder der Plätze und Umgebungen so beeindruckend waren.

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Glamping (glamorous camping)

Und klar, Google war uns ebenfalls eine große Hilfe. Google Maps an, nach Campingplätzen suchen, Bilder anschauen, fertig. Für uns war die Lage immer wichtiger als die Ausstattung des Platzes. Ob man jetzt modern oder in einem alten Bad warm duscht ist egal. Wenn man eine geile Aussicht hat, blendet man um sich herum eigentlich alles aus. Selbstverständlich auch das ziemlich oft fehlende Wifi oder ein etwas weiterer Weg zu den Sanitäranlagen durch die kalte Nacht.

Ihr wart mit eurem Hund Chima unterwegs. Wie hat er denn die Reise und die Nächte im Bus weggesteckt? Hast du Tipps, wenn es um so eine Reise mit Hund geht?

Chima ist Ulis Hund und im Oktober 12 Jahre alt geworden. In Menschenjahren etwas über 80. Wir selbst wussten vorab nicht, wie er die Fahrerei im Bus verträgt. Daher sind wir vor der Reise nach Oberschwaben Richtung Bodensee gefahren und haben meine Großeltern besucht. Da war er an einem Tag 6 Stunden im Bus unterwegs und es lief alles problemlos. Für uns ein gutes Gefühl, um ruhig starten zu können.

Wichtig ist, häufiger Pausen beim Fahren einzulegen, mit dem Hund rauszugehen und ihm den entsprechende Auslauf zu geben. Ich kannte das Zusammenleben mit Hund von hier, eine Reise mit Hund war mir aber komplett neu und auch das so enge Zusammenleben auf kleinstem Raum war ungewohnt. Ich muss im Nachhinein sagen, dass das alles super zu bewerkstelligen war und es auch für ihn, denke ich, super war, ständig in der Natur zu sein. Er war auf allen Wanderungen dabei, einzig in den Städten und beim Einkaufen waren wir allein unterwegs. Wie schön das Zusammenleben aussehen kann, sieht man denke ich auf einem der Bilder in der Lofoten-Galerie im Reiseblog, wo er zwischen uns auf einer Klippe sitzt und in die Ferne schaut. Das Bild finde ich toll.

Und generell zum Reisen mit Hund: Du glaubst nicht, wie viele Hunde man auf Campingplätzen sieht. Ist mir vorher nie aufgefallen, aber aus jedem Wohnmobil springt eigentlich ein Hund. Auf den Campingplätzen sind die auch gerne willkommen.

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Reisen mit Hund

Du hast ja während der Reise ein tolles, weil unterhaltsames und informatives BLOG geschrieben. Wie hast du das technisch gemacht von unterwegs?

Ich habe durch meinen vorherigen Job viele Berührungspunkte mit Content Management Systemen und habe diese für unsere Redaktion weiterentwickelt. Daher war mir beispielsweise der Umgang mit WordPress nicht fremd. Als wir uns zu dieser Reise entschieden haben, hatte ich unglaublich Lust, diese in einem eigenen Digitalprojekt festzuhalten. Irgendwann vor der Reise hab ich Uli dann mal mit einem Grobentwurf und ersten Texten überrascht. Sie war von der Idee des digitalen und gleichzeitig öffentlichen Tagebuchs angetan und hat im Laufe der Reise immer mehr Lust bekommen, uns und unsere Freunde daheim zu unterhalten und an der Reise teilhaben zu lassen. Wir haben während und nach der Reise sehr viel Zuspruch bekommen, was uns weiter bestärkt hat. Der Zuspruch kam übrigens weit über den Freundeskreis hinaus. Echt ne coole Geschichte und Erinnerung an später.

Das Content Management System haben wir meistens Abends gefüttert, wenn wir nach dem Essen im Bus saßen. Vom Laptop aus, manchmal auch über die Smartphone App von WordPress. Die Bilder dauerten am Längsten, in der Bearbeitung und beim Hochladen. Selbstverständlich waren wir für den Upload immer an das Wifi gebunden. So dauerte es manchmal schon eine Woche, bis dann der neue Text da war. Manchmal hatten wir aber auch ehrlich gesagt einfach nicht die Muse, da war der Sonnenuntergang oder die Abendstimmung schlicht die bessere Alternative zur „Arbeit“ am Laptop

Gibt es ein Erlebnis, das dir nachhaltig in Erinnerung geblieben ist, es aber nicht auf das Blog geschafft hat?

Richtig einprägsam war für uns eigentlich der Abschluss der Reise. Nach der Abfahrt von Hamburg war uns klar, dass die Reise zu Ende ist und wir nur noch eine Übernachtung vor uns haben. Da dachten wir, wir hätten bereits realisiert, dass es nun zu Ende ist. Als wir am letzten Tag nach Hause kamen, waren wir geschafft von der Fahrt. Am späten Nachmittag haben wir uns den Luxus einer Badewanne gegönnt, die wir so lange nicht hatten. Erst da ist uns bewusst geworden, dass wir am Ende der Reise angekommen sind. Mit Tränen in den Augen sind wir uns gegenüber gesessen. Nicht aus Trauer – vielmehr aus Freude, sowas Tolles erlebt zu haben. Die ganzen Emotionen der Reise kamen nochmals hoch. Das war Gänsehaut!

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Wenn Frisuren Geschichten erzählen

Angenommen jemand war weder in Dänemark, Schweden oder NORwegen, und hat nur die Möglichkeit jeweils einen Ort in dem jeweiligen Land zu besuchen: was würdest du ihm jeweils empfehlen?

In Dänemark definitiv Kopenhagen. Hier fühlt man sich jung, die Leute sind gut drauf, kleiden sich stylish. Das ganze Ambiente passt einfach, Kopenhagen ist ne coole Stadt. Ich war jetzt zweimal da, Uli das erste Mal. Würden wir jederzeit wieder machen. Hier muss man sich wohl fühlen.

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Kopenhagen

In Schweden muss man sich entscheiden zwischen Seen und Meer. Wer mehr Bock auf Kanu und Schwimmen hat, muss nach Småland oder an die großen Seen. Mein persönlicher Tipp ist aber die Insel Tjörn nördlich von Göteborg. Hier findet man das kleine und malerische Örtchen Klädesholmen. Die Küste hat ihre roten Häuschen am Meer und ist mit ihren grauen, runden Felsen einfach toll. Dazu noch die tiefstehende Sonne im Sommer, wirklich herrlich.

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Tjörn

In Norwegen findet man viele Highlights der Natur. Herausragend waren aber die Inselgruppen Lofoten und Vesterålen. Die liegen so nah beieinander, dass ich sie hier zusammen nehme. Man findet hier karibische Strände, beeindruckende Felsformationen und einfach raue Natur. Man kennt vieles von Bildern, dort aber mal leibhaftig einzutauchen ist schon fantastisch. Der Weg dorthin ist beschwerlich, aber es lohnt sich, wenn man sich die Zeit wirklich nimmt.

Mein wichtigster Rat? Einfach treiben lassen…

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Vesterålen

Deine Ex-Kollegen haben dir für den Trip einen Globetrotter-Gutschein geschenkt: Was war ein unersetzbarer Gegenstand aus eurer Packlist und worauf hättet ihr gut verzichten können?

Die Frage ist einfach, hat aber beides nicht mit dem Globetrotter sondern mir dem Bulli zu tun. Unverzichtbar war die Induktionsplatte, die wir günstig bei Lidl gekauft haben. Das Teil war immer im Einsatz und es geht einfach verdammt schnell, damit zu kochen. Unbenutzt hingegen waren die Auffahrkeile, die wir gekauft hatten. Diese sind eigentlich dazu da, den Bus waagerecht zu stellen, falls das Gelände schief ist. Ehrlich gesagt war es uns egal, wenn wir leicht Schräglage hatten. Da ist aber jeder anders. Für uns war es ein absolut streichbarer Gegenstand.

Was wäre dein wichtigster Rat an jemanden, der auch so eine Tour machen möchte?

Sich einen zuverlässigen Bus kaufen und dann – ganz wichtig – einfach treiben lassen. Keine Planung für die Route ist dabei schon mal die halbe Miete. So verbaut man sich nichts und hat alles offen, ohne Stress zu bekommen. Und man sieht Orte, von denen man nicht mal wusste, dass sie echt fett sein können. Unsere Wasserfall-Wanderung in Kinsarvik (Norwegen) beispielsweise.

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Kinsarvik

Letzte Frage: warum stehst du morgens auf?

Um das Leben zu genießen. Ist ein bisschen platt, aber da draußen gibt es so viele Dinge zu entdecken, sowohl die Natur als auch die Menschen. Ich bin jedes Mal wieder happy, wenn ich meine Freunde treffe und einfach eine gute Zeit habe. Dafür lohnt es sich, die Füße aus dem Bett zu stellen und schlaftrunken ins Bad zu watscheln. Auch manche Orte auf der Reise waren deswegen speziell, weil wir interessante Personen getroffen haben. Das bereichert einen, finde ich.

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Interview geführt im Oktober 2015

Alle Fotos mit freundlicher Genehmigung des Urhebers

 

2 Kommentar

  1. Vielen Dank für die tollen Fragen, Georg. Herrlich! Die Antworten sind dadurch extrem authentisch und es ist wirklich angenehm zu lesen. Ich hatte derbe Flashbacks mitten ins Herz. =)

  2. Ja, selbst für mich als Fremde laß es sich sehr angenehm, locker leicht und doch informativ. Wir haven nur 10 Tage und wollen mit Bus, Hund und Freunden gen Norwegen….gern auch bis zu den Lofoten, ganz sicher aber südliche Küste/Binnenland .

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