Warum man den Traumpfad München-Venedig wandert oder: Schritt für Schritt zum Glück

Victoria, Glückskind, München


Victoria, du bist im Juli den Traumpfad gewandert. Warum zum Teufel wandert man über 550 km und 22.500 Höhenmeter von München nach Venedig?

Haha, diese Frage wurde mir mit großen Augen schon öfter gestellt. Hmm, ich kann es nicht genau sagen, weil ich mir diese Frage selber nie gestellt habe…sondern es einfach machen wollte! Ich weiß auch gar nicht genau wie ich darauf gekommen bin. Da ich keinen Fernseher habe kann man diese Quelle ausschließen. Wahrscheinlich bin ich durch bestimmte Schlagwörter im Internet auf den Traumpfad gekommen.

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Die Route

Die erste Etappe geht schmale 32 km vom Münchener Marienplatz nach Wolfratshausen. Weißt du noch was du am ersten Abend gedacht hast?

Ja: „So ist das also wenn man aus dem Rucksack lebt. und jetzt: schlafen!“.

(weil der Wecker recht früh klingeln wird…).

Wobei: Ins Bett fiel ich selten aus „Erschöpfung“. Es ist für mich oft wie die allerletzte Etappe des Tages gewesen. Gerade dann, wenn ich im Lager war. Dann stellst du dich vorher darauf ein, bereitest alles vor: Ohropax, deine Anziehsachen für den nächsten Tag, bist mit dem Kopf schon in der Vorbereitung für den kommenden Tag. Aufgestanden wurde zwischen 5 und 7 Uhr. Je nach bevorstehender Tour und vor allem auch Temperatur (in Italien waren es fast 40Grad). Glücklich zu sein ist etwas, was man sich mit jedem Schritt bewusst machen kann. Es gab viele glückliche Momente.

Hast du dich denn auf die Reise speziell vorbereitet?

Mehr oder weniger. Ich wollte keinesfalls blauäugig die Alpenüberquerung machen. Ich habe großen Respekt vor den Bergen. Mir war klar, dass das kein Zuckerschlecken wird. Dennoch wollte ich möglichst „entspannt“ und effizient die Zeit davor nutzen und habe mit geschulten Menschen auf diesem Gebiet ein spezielles Lauf-Intervall-und Krafttraining absolviert. Zudem habe ich bewusst keine Filme oder weitere Lektüre darüber gelesen. Ich wollte meine eigene Erfahrung machen.

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Victorias Ausrüstung

Wer hat dich begleitet auf der Wanderung?

Ich habe über verschiedene Foren und einer großen Gruppe auf Facebook (die meine Anfrage bei sich auf der Wall gepostet haben) angefragt, ob auch andere in meinem geplanten Zeitraum diese Tour machen. So haben sich verschiedene Menschen bei mir gemeldet. Letztendlich hat man auf dem Weg Leute getroffen, die ebenfalls nach Venedig gehen – ob als ganzes Stück oder nur einige Etappen. So konnte ich einige interessante Leute treffen. Mit ein paar davon wanderte ich zeitweise zusammen. Letztendlich hat aber jeder sein eigenes Tempo und auch die Tagesverfassung/Form spielt da eine Rolle. Ich empfand die Begegnungen am Berg immer als sehr bereichernd.

Glücklich zu sein ist etwas was man sich mit jedem Schritt bewusst machen kann.

Die Strecke hat 28 Tages-Etappen. Hast du dich daran orientiert oder bist du irgendwo auch mal länger geblieben? War das Ziel „ankommen“ oder „in 28 Tagen ankommen“?

Zur Orientierung hatte ich einzig den Rother Wanderführer, der die Tour in 29 Etappen aufteilt. Angekommen bin ich nach 27 Tagen. Den Wanderführer habe ich als grobe Orientierung benutzt, aber je nachdem wie ich mich fühlte, Etappen auch zusammengefasst. Das Ziel war ganz klar: Ankommen. Gesund ankommen!

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Am Junssee

Wo wir bei Gesundheit sind: Du hast während deiner Wanderung ein Foto von deinem getapten Bein auf Facebook gepostet. Was war passiert?

Haha, stimmt. Das war mitten in den Dolomiten, ein kurzes Stück, das absolut eben und eigentlich gut zu laufen war. In dem Moment, wo ich umknickte, war ich mit meinem Kopf wahrscheinlich woanders. Da ist es eben passiert. Am Abend fragte ich den Wirt vom Rifugio Mario Vazzoler, ob ich kurz seinen Rechner benutzen dürfte, um mir eine Anleitung zum Tapen anschauen zu können, da ich keinen Internet-Empfang für mein Handy hatte. Dieser hat mir dann netterweise seinen Rechner zur Verfügung gestellt. Am nächsten Morgen ging es also getaped weiter. Eine andere Option ausser weiterzugehen wäre für mich sowieso nicht infrage gekommen. Da musste ich durch. Ich habe allerdings noch mehr darauf geachtet, bei jedem Schritt konzentriert zu sein. Auf sich (liebevoll- also nicht zu verbissen) zu achten, ist essenziell bei einer solchen Tour. Und wäre auch im Alltag wünschenswert.

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Und am Ende bleibt immer eine Geschichte

Du hast vorhin von einem „Lager“ gesprochen, jetzt von einem „Wirt“: du hast unterwegs in Hütten bei jeden jeweiligen Etappenzielen übernachtet? Hast du die Übernachtungen vorbereitet oder einfach am Abend an die Tür geklopft?

Würde man hier einfach irgendwo an die Türe klopfen, wenn man übernachten möchte? 😉 Das geht nur im Notfall. So ist es auch bei den Hütten. Natürlich muss man das Wetter im Auge behalten und kann daher nicht langfristig im Voraus planen. Aber ich habe versucht ca. 2 Tage vorher anzurufen und zu reservieren. Einige Hütten, wie z.B. die Tutzinger Hütte sind so stark frequentiert, dass man sich Wochen im Voraus um die Reservierung kümmern musste.

Hast du ein Erlebnis, das dir besonders in Erinnerung geblieben ist?

Ja, einige Erlebnisse. Die auch sehr persönlich sind. Es sind die, die einem die Natur schenkt. Wie die Tiere auf dem Weg (z.B. Steinböcke), der atemberaubende Ausblick nach einem ziemlich mühsamen und kräftezehrenden Aufstieg und die Erlebnisse, oder besser: Erkenntnisse, die einem der Weg schenkt. Man entdeckt tatsächlich ein Stück weit sich, wenn man hinschaut. Grenzen werden klar/er, Dankbarkeit und Demut wichtigste Weggefährten. Dieser Erinnerungsschatz ist unerschöpflich und einmalig. Die Scharten, Geröll- und Schneefelder sind natürlich auch der Wahnsinn. Die Schönheit der Dolomiten. Diese Dimensionen allgemein: Mensch winzig – Berg riesig. Und da kommst du hoch!

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Die Roa Scharte
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Longarone, Italien
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Gesellschaft

Ist das zu schnulzig? Denn ich empfinde das tatsächlich so.

Das ist überhaupt nicht schnulzig. Das macht große Lust, die Erfahrung auch zu machen!

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Aufstieg Piz Boe zum Rifugio Capanna Fassa (3.153m)
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Aufstieg Piz Boe zum Rifugio Capanna Fassa (3.153m)

Was würdest du jemandem raten, der den Traumpfad auch wandern möchte?

Wer Rat sucht, wird googeln. Ich kann nur sagen, dass der Mensch in der Lage ist zu machen!

Aber du hast nichts, wo du sagst: beim nächsten Mal würde ich das und das anders machen oder darauf mehr achten oder auf folgendes Equipment verzichten?

Beim nächsten Mal kann alles anders sein 🙂 Für diese Tour habe ich versucht, mein Bestes zu geben. Und ich bin angekommen. Gesund. Und Glücklich.

Traumpfad
Nach der Überquerung der Alpen
Traumpfad
Angekommen. Am Meer.

Letzte Frage: warum stehst du morgens auf? 

Weil wir noch lang genug liegen werden. Mein Bruder würde vielleicht sagen : „Du hast Hummeln im Hintern!“.


Interview geführt im August 2015

Alle Fotos mit freundlicher Genehmigung der Urheberin

4 Kommentar

  1. Respekt vor dieser Leistung und der doch lockeren uns souveränen Art mit der du das gemeistert hast. Vielleicht kann ich mich mal dazu überwinden meinen Urlaub für so etwas zu verwenden. Wenn nicht auch einmal, dann max. in zwei Jahren, also zwei Etappen.

  2. Habe interessiert Deinen Bericht gelesen. Das ich den Traumpfad auch schon durchgelaufen bin. Allerdings Urlaubsbedingt in drei Abschnitten : Von München bis Hall – Wattens bis Vintl – und von Vintl bis Venedig. Und ich kann Jedem empfehlen diese Tour einmal durch zu nehmen. Es ist wirklich eine Traumreise. Anstrengend aber Traumhaft. Allerdings würde ich jedem der es kann , ein paar Tage zusätzlich empfehlen. Am Tuxer – Ferner zum Beispiel habe ich einen Gletscher von Innen besichtigt, und in Jesolo oder Venedig habe ich mir jeweils noch einen Belohnungs – und entspannungstag genehmigt. es gibt sehr viel zu sehen und zu erleben. Sei es die Menschen, die den gleichen Weg machen, sei es die verschiedenen Unterkünfte auf dem Weg, die Wege , die Eindrücke , oder eine Rettungsaktion . Sollte ich je mal für einen längeren Zeitraum Zeit haben, möchte ich diese Strecke mal ganz an einem Stück durchlaufen.

  3. Wir haben auf unserer Dolomitenrunde auch ein paar Wanderer getroffen, die diesen Traumpfad gegangen sind. Die Gegend um den Piz Boe gehört mit zu den schönsten Strecken, die ich kenne.

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