Warum man Schlager singt, liebt und lebt oder: "Susanna, du hast am Arsch 'nen Leberfleck"

Martin, Schlagerstar, Berlin


Martin, warum wird man Schlagersänger?

Diese Frage wird mir oft gestellt 🙂

Für mich ist es Eingebung: schon in meinen ersten musikalischen Begebenheiten, wie zum Beispiel dem ersten Gitarrenunterricht, war mir klar, dass es die deutschsprachige Musik ist, die mir am besten gefällt. So fing ich mit 9 Jahren an Musik zu machen. Außerdem wollte ich auch gerne verstehen was ich da singe. Mit 11 Jahren schrieb ich meinen ersten Schlager „Cinderella Baby“. In der Schule fragte man mich später auch oft warum ich denn Schlager mache. In dieser Zeit war es „In“, die Bravo zu lesen und den englischen Teenie-Bands zu frönen. Mir missfiel jedoch, dass ich nicht wusste, von was die dort singen und dass im Grunde alle das gleiche musikalische Vorgabemuster mochten, was auch die eigenen Freunde mochten und was im TV zu sehen war. Damals war es geradezu „Out“ in meinem Alter Schlager zu mögen. Aber das war mir egal, denn ich liebe Schlager. Insgeheim kamen viele immer zu den Proben meiner ersten Band, die ich mit 14 Jahren hatte, in der Schulaula nach dem Unterricht und lauschten bei der Probe zu. Aber es hätte nie jemand öffentlich -oder auf dem Schulhof-  zugegeben, dass er das toll findet, was wir machen.

Die Zeiten ändern sich und heute ist der Schlager „In“ wie nie: die gleichen Leute von damals feiern heute in Clubs und Diskotheken zu Schlagern ab und jeder darf so laut und fröhlich mitsingen wie er es denn gerne möchte. Das ist das Schöne am Schlager: ehrliche Texte, kein Schickimicki und man kann alles mitsingen.

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Deine Lieder heißen unter anderem „Angelhaken-Lied“ oder „Durchstarten“: wie kommst du auf die Ideen zu den Songs?

Ich habe bereits 60 Lieder komponiert und getextet. Die meisten Texte sind Erfahrungen, Sehnsüchte und Träume. Die meisten Einfälle hatte ich, wenn ich selbst verliebt war oder etwas erlebt habe, was ich in meinen Texten und Melodien verarbeitet habe. So entstanden traurige, aber zum Großteil auch fröhliche Lieder. Seit ca. 3 Jahren breche ich wieder mehr aus mir heraus und konnte so einen kleinen Hit landen: mein Song „Durchstarten“ – ein klassischer Schlagerfox – entstand bei mir auf der Arbeit: nachdem ich im Q-Dorf (Anm.: größte Diskothek in Berlin) in höherer Position auf eigenen Wunsch aufgehört habe, habe ich mich als Leiharbeiter durchgeschlagen. Ich füllte in einer großen Firma Putze und Lacke ab und ein befreundeter Vorarbeiter meinte zum Scherz ich solle mehr Gas geben und mal so richtig durchstarten beim Abfüllen der Putzeimer. Die Maschinen hämmerten so laut im Takt von 128 BPM, dass man laut vor sich hin singen konnte. Ich dachte mir so, da es an einem Freitag war und das Wochenende bevor stand: „Heute Abend starte ich durch“ und die Idee für einen Song war entstanden.

Das ist das Schöne am Schlager: ehrliche Texte, kein Schickimicki und man kann alles mitsingen.

Ich trällerte zwei Tage vor mich her und Schwupps war alles in meinem Kopf gespeichert. Als ich vor einem Jahr meinen Manager Jan Kreil kennenlernte, gingen wir ins Studio und nahmen den Song auf; ich hatte bis dahin nichts zu Papier gebracht, alles war nur in meinem Kopf. Das war wohl auch ein wenig leichtsinnig, wenn man eine gute Melodie oder einen Text vergisst, aber ich habe da ein fotografisches Gedächtnis. Markus Kretschmer vom Creative Blue Tonstudio nahm in Berlin alles genau so auf wie ich es mir vorgestellt hatte. Der Song schlug in Berlin ein wie eine Bombe und war beim größten Schlagersender für Berlin und Brandenburg, Radio B2, fast sechs Monate in den deutschen Schlagercharts, das gelang vor mir nur Helene Fischer 🙂

Das „Angelhaken Lied“ ist mein aktuellster Hit, den ich sogar im „Bierkönig“ auf Mallorca aufführen durfte. Das „Angelhaken Lied“ ist ein altes Volkslied, dessen Text ich etwas abgeändert habe.

Ich bediene ja sowohl den gängigen Schlager als auch den Ballermann-Schlager, um ein breiteres Publikum zu erreichen und weil mir die Musik gefällt.

Du bist ausgebildeter Sänger und hast eine sehr voluminöse Stimme. Wieviel macht die Stimme bei den Auftritten und wieviel ist einfach Show?

Als ich nach meinen ersten Konzerten, im Alter von 14 Jahren, des Öfteren eine Stimmbandentzündung hatte, war mir bewusst, dass ich etwas falsch mache und entschloss mich zu einer klassischen Gesangsausbildung. Dank meiner Eltern durfte ich die Musikschule Reinickendorf einmal wöchentlich zum Gesangsunterricht besuchen. In sieben Jahren lernte ich viel über Atemtechnik, Betonung und Körperhaltung beim Singen; auch einen Musical-Kurs habe ich dort belegen dürfen, bei dem ich mit vielen anderen Sängern auch Gruppengesänge und Schauspielerfahrungen gesammelt habe. Ich habe bewusst klassischen Gesangsunterricht gewählt, weil die Klassik der Ursprung aller anderen Musikrichtungen ist und ich auch mal Neuland betreten wollte. So passt meine Stimme heute auch hervorragend in Jazz, Pop, Rock und Schlager. Viele meiner Schlagerkollegen singen heute ja leider nicht mehr live, aber ich finde das ist man seinem Publikum schuldig: wer teuren Eintritt bezahlt, soll auch etwas dafür bekommen. Leider singen so viele Kollegen Vollplayback und leider scheint es einigen auch egal zu sein, dass der Künstler nicht live singt. Ich finde diese Entwicklung aber schade, denn ein Sänger ist ein Sänger weil er singt und nicht weil er die Lippen synchron zu seinem Song bewegen kann. Bei Partykanzler Martin Martini ist alles zu 100 % live gesungen und der Rest entsteht durch Situationskomik und dem Zusammenspiel mit dem Publikum, denn auch das Publikum ist Teil der Show und wird gerne mit einbezogen: Martin Martini – Der Schlagersänger zum Anfassen 🙂

Als ich vor zwei Jahren auf Mallorca war, habe ich eines Abends aus der Kneipe gegenüber deinen Song „Malle Mallorca“ gehört. Wie oft spielst du auf Mallorca?

„Malle Mallorca“ ist ein Lied, das mir auf den Leib geschrieben wurde. Der Song stammt aus der Feder von Christoph Kornschober, einem in Österreich bekannten Schauspieler. Der Song ist ein Hit, den ich 2013 veröffentlicht habe. Damals hielt er sich zwei Wochen in den offiziellen deutschen DJ Charts und wurde auch vom Ballermann-Radio gespielt. Der Song ist der volle Partykracher und auch auf diversen Samplern wie z.B: den „Mallorca Megacharts 2013“ vertreten. Ich bin ab und an auf Mallorca, aber es ist schwer, als Newcomer dort Fuß zu fassen. Eine Handvoll Top-Acts teilt sich den Markt dort auf und es ist kaum Platz für Neues. Man kennt mich dort zwar, weil ich im Q-Dorf der Haus-Entertainer war und schon als Vorprogramm von vielen Ballermann-Größen aufgetreten bin, jedoch spürt man dort eine gewisse Ellenbogenkultur. Ich hatte aber auch schon Auftritte im „Bierkönig“ und „Krümels Stadl“, sowie kleineren Lokalitäten auf der Insel, worüber ich mich sehr freue. In Deutschland reiße ich regelmäßig die großen Clubs und Diskotheken, sowie Festzelte mit den Leuten ab und es wird regelmäßig gefeiert wie auf Malle.

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Goldene Legislaturperiode: der Partykanzler Martin Martini

Wie war dein Auftritt im „Bierkönig“? Wie läuft das so hinter den Kulissen?

Ich durfte im April diesen Jahres im „Bierkönig“ beim Newcomer-Wettbewerb auftreten. Ab 15 Uhr treffen sich dort Sonntags zum Opening hunderte Fans des Genres und huldigen dort dem, was auf der Bühne geboten wird. Ich hatte mich schon die beiden Jahre zuvor beworben, aber bin leider nicht mit reingerutscht, aber dieses Jahr hat es geklappt. Dort ist ein hartes Publikum und der Gewinner bekommt Bookings von der Eventfirma, die den „Bierkönig“ unter sich hat. Ich habe nicht gewonnen, aber ich habe die meisten Klicks aus diesem Wettbewerb bei Youtube, was mich natürlich riesig freut. Das „Angelhaken Lied“ kam gut an. Die meisten in diesem Wettbewerb haben etwas eigenes Kreatives gesungen. Ich fand es jedoch schade, dass die Gewinnerin mit einem Cover von Helene Fischer („Atemlos“) antreten durfte. War klar, dass da jeder mitsingt. Viel schwieriger ist es mit etwas Neuem zu begeistern und ich glaube das ist mir ganz gut gelungen. Natürlich wurden viele Fotos mit den alteingesessenen Stars gemacht. Einige kannte ich schon aus meiner Q-Dorf-Zeit. Da wunderte es mich dann, dass einer, dessen Namen ich nicht nennen werde, mich weggedrückt hat und mir zu verstehen gab, dass er mit mir kein Bild wolle. Dies ist Ansporn genug, denn ich bin offensichtlich ein Konkurrent 🙂

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© Erich Grönke

Andere Stars begegneten mir mit Freude und gaben mir auch den einen oder anderen Tipp auf den Weg. Spontan ging es dann auch in „Krümels Stadl“, wo sich viele Newcomer die Klinke in die Hand geben. Krümel war so nett, dass sie mich auch einen Abend mit in ihr Programm nahm und auch dort war es ein voller Erfolg.

Gibt es noch einen Wunsch, den du dir in deiner Karriere erfüllen willst?

Ich bin schon recht zufrieden, immerhin kann ich mich mit meinem Hobby, welches ich zu meiner Arbeit ausweiten konnte, über Wasser halten. Das ist schon das Schönste, was einem passieren kann, wenn man mit dem, was einem Spaß macht über die Runden kommt. Gesund bleiben hört sich vielleicht standardmäßig an, aber das ist das Wichtigste für jeden, denke ich.

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Gute Laune als Versprechen: Martin Martini – Der Partykanzler

Hast du eine Anekdote aus deiner Karriere aus Schlagersänger? 

Nun, ich erinnere mich da immer gerne an eines meiner ersten Konzerte mit meiner damaligen Band „Martin Menzel & Band“. Ich wurde aus über 300 Einsendungen bei einem großen Berliner Bandwettbewerb (Anm.: dem U-20 Bandwettbewerb organisiert vom Steinhaus Berlin) ausgewählt, an dem Vorentscheid mit meiner Band gegen über 30 anderen Bands anzutreten. In mehreren kleinen Konzerten à 20 Minuten konnte man sich für das Finale qualifizieren, bei dem man einen Plattenvertrag gewinnen konnte. Das Ganze war im Jahre 1997, wir waren alle gerade erst als Schülerband zusammen gekommen, unter 18 Jahre alt und hatten gerade erst ein paar Songs im Repertoire. Wir waren die jüngsten Teilnehmer dieses Wettbewerbs und die einzigen mit deutschem Schlager. Das war damals sehr ungewöhnlich, denn gesucht wurde eigentlich eine Rockband.

Am Wochenende ist ein 16-Stunden-Tag nicht selten. Aber ich konnte meine Leidenschaft zu meinem Beruf machen. Es gibt nichts Schöneres.

Aber die Jury fand das mit dem Schlager so aussergewöhnlich, dass wir daran teilnehmen durften. Es war unser erstes Konzert, das wir damals im Steinhaus gegeben haben: umgeben von Rothaarigen, Grünhaarigen und glatzköpfigen Rock-Fans spielten wir in weißem-Hemd-und-schwarzer-Hose-Einheitsoutfit unsere eigenen Schlager. Die Leute waren so verblüfft, dass da endlich mal jemand was singt was alle verstehen und das nicht im Heavy-Metal-Style herunter geplärrt wurde, dass wir in mehreren Vorentscheiden bis ins Finale kamen. Das Finale fand im Kesselhaus der Kulturbrauerei statt und wieder waren wir umgeben von Rockern und für uns als Jünglinge war das eine beeindruckende Atmosphäre so zwischen all den harten Jungs und wir als Großmutters Lieblinge 🙂

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Offizieller Bildtitel: „Der Partykanzler leger“

Jedenfalls war dort ein Bauzaun, der zum Backstage-Bereich führte und rund 2.000 Leute standen in Grüppchen herum und applaudierten jeweils ihrer Lieblingsband. Wir hatten niemanden dabei außer unseren Eltern. Das Publikum sollte entscheiden wer denn nun unter die Top 4 kommt und die Chance auf einen Plattenvertrag hat. Das Resultat war, dass der Bauzaun kaum noch von der Security gehalten werden konnte: als wir unseren Auftritt hatten, stürmten alle Richtung Bühne! Die Leute rasteten so dermaßen aus und sangen unsere Lieder mit, die sie schon von den Vorenscheiden kannten. Vom Stage-Diving bis zum schreienden Fan in der ersten Reihe war alles dabei. Da eine Rockband gesucht wurde, hat man uns den Publikumspreis gegeben, was für uns schon das Größte war, da es wie gesagt unfassbar war, dass unsere Schülerband überhaupt so weit gekommen ist neben all den Profis die schon Jahre lang geprobt hatten. Ich habe noch ein Video davon und es ist immer wieder schön anzusehen. Das war die Erstbesetzung der Band in der Zweitbesetzung lernte ich dich kennen, weist du noch? Hach, waren das Zeiten. (Anm.: Ja, Inspiranha hat vor 18 Jahren in einer Schlagerband gespielt. Und es geliebt!)

Letzte Frage: warum stehst du morgens auf?

Weil mir der Rücken weh tut? Weil das Wetter schön ist? Weil ich Musik machen will? Wegen der Freunde? Weil mein Nachbar zu laut schnarcht?

Schlagersänger sind auch nur Menschen und stehen früh auf so wie jeder normale Mensch.

In der Woche ist es manchmal etwas bequemer, aber am Wochenende ist ein 16- Stunden-Tag nicht selten. Viele sehen das nicht, weil sie nur das sehen, was auf der Bühne passiert. Aber das Drumherum und das Danach ist oft viel Arbeit.

Texte lernen, Organisation und Planung von Veranstaltungen, Shows einstudieren, viel Telefonarbeit, Fahrten zu Veranstaltungen, Treffen mit Kunden, dabei sein, wenn es um Kontakte geht,… das kann viel Zeit fressen und natürlich der unregelmäßige Schlaf weil man ja Montags wieder früh raus muss.


Interview geführt im September & Oktober 2015

Bildmaterial mit freundlicher Genehmigung von Martin Martini & Management

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