Warum man Frauen auf Rollschuhen bekämpft oder: wäre Roller Derby einfach, hieße es Football

lisa, grafik-designerin, berlin


Lisa, als Voraussetzungen für die Ausübung von Roller Derby wird unter anderem „Schmerztoleranz“ genannt. Warum zum Teufel fährt man Roller Derby?

Och, da gibt es viele Gründe. Ich war vor allem neugierig. Als ich mich zum ersten ‚Fresh Meat‘ Training angemeldet hatte, wusste ich gar nicht genau worum es ging… dachte irgendwas mit Rollschuhen und Mädchen, das ist bestimmt lustig. Lustig ist es ja auch, aber vor allem eine wahnsinnige Herausforderung und auch sehr spannend.

Mit den Schmerzen geht das auch. Bisher habe ich keine grossen Verletzungen sondern eher blaue Flecke, mal ne dicke Lippe. Aber wegen des Adrenalins während des Spiels bekommt man das gar nicht so mit.

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Roller Derby in Aktion
© insane motion

Kannst du noch einmal kurz in deinen Worten erklären wie das Spiel abläuft? Und: spielst du eher „Flat Track“ oder „Banked Track“?

2 Teams mit jeweils 14 Skaterinnen spielen 2 Halbzeiten von je 30 Minuten gegen einander. Dabei ist jede Halbzeit in Intervalle von maximal 2 Minuten eingeteilt, sogenannte ‚Jams‘. Es wird auf einem flachen ovalen Track gespielt. Pro Jam treten 5 gegen 5 an – davon sind von jedem Team 4 Blocker und 1 Jammer am Start. Blocker sind Verteidiger: Sie arbeiten zusammen um den gegnerischen Jammer aufzuhalten oder spielen offensiv für den eigenen Jammer. Jammer sind eher wie Stürmer – sie tragen einen Stern auf dem Helm (damit sie gut erkennbar sind) und machen die Punkte. Punkten kann der Jammer indem sie die Blocker des gegnerischen Teams überholt. Diese wollen natürlich nicht überholt werden und können Blocks bzw. Bodychecks austeilen.

Generell ist Flat Track Derby (flache Spielfläche) weiter verbreitet als Banked Track Derby (Spielfläche mit Steigung), schon alleine wegen den Hallen und Trainingsmöglichkeiten. Also, mein Verein, Bear City Roller Derby, gehört der WFTDA an – der Women’s Flat Track Derby Association – unserem weltweiten Dachverband. Die WFTDA organisiert Turniere und stellt die Regeln auf etc.

Darf man den ganzen Body checken oder gibt es sowas wie „offizielle Trefferzonen“ beim Blocken?

Blocken darf man natürlich nicht irgendwie und überall. Generell darf man nicht: in den Rücken blocken, unterhalb der Knie oder oberhalb der Schultern. Vorderseite und die Seiten sind legale Zonen. Auch womit man Block ist eingeschränkt: nicht mit dem Kopf oder Ellenbogen sondern vor allem mit Schultern und Hüften.

Das Regelwerk umfasst ca 50 Seiten, bevor man Spielen darf muss man neben einem „Physical Skills Test“ auch einen „Rules Test“ bestehen – nur so ist gewährleistet, dass alle wissen was sie tun, fair spielen und so wird das Verletzungsrisiko eingeschränkt. Hinzu kommt, dass bei jedem Spiel 7 Schiedsrichter dabei sind, die darauf achten, dass alle Regeln eingehalten werden und die Skaterinnen bei Verstößen für 30 Sekunden in die Penalty Box schicken – auch genannt „Sin Bin“.

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Lisa als Jammer
© insane motion

Gibt es auch Platzverweise für richtig böse Blocks?

Ja es gibt auch sowas wie rote Karten – „gross misconduct“. Diese werden gegeben, wenn man grob unsportlich ist, den Schiedsrichter missachtet oder auch versehentlich etwas gefährliches macht wie unkontrolliert jemandem in den Rücken springen.

Das kommt aber eher selten vor. Habe ich nur einmal erlebt. Generell ist Roller Derby so ungefähr der fairste Sport den ich kenne, zwischen Spielern und Fans und allen.

Roller Derby ist so ein bisschen Richtung Wrestling…, mit Hotpants, viel Schminke und zerrissenen Strümpfen

Ok, mal Butter bei die Fische: spielst du lieber Jammer oder Blocker?

Ich bin meistens Jammer. Da ist der Nervenkitzel noch etwas höher finde ich. Ich hab dann 4 Blocker gegen mich, die meistens grösser und schwerer sind als ich und die mich alle umhauen wollen. Und da muss ich mich dann durchkämpfen bzw. drum herum ‚juken‘ (Bewegung antäuschen). Wenn mann dann durchkommt und Punkte macht ist das ein grossartiges Gefühl.

Und die Aufmerksamkeit des Publikums liegt oftmals auch auf den Jammern, d.h. auch das ist noch ein Stressfaktor – gibt natürlich auch einen Kick, wenn die ganze Halle deinen Namen schreit.

Aber es gibt auch Nachteile als Jammer: Es ist viele anstrengender, und wenn man als Jammer einen Fehler macht, (z.B. in die Sin Bin muss) wirkt sich das natürlich auch viel mehr aus. Dann ist man 30 Sekunden raus und der gegnerische Jammer kann in der Zeit schön Punkte machen.

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Pump the Jam
© insane motion

Dann lass uns doch gleich mal bei deinem Namen bleiben. Ich liebe ja diese Theatralik und das Martialische, mit denen sich die Teams inszenieren. Vor allem die Kreativität bei den Kampfnamen. „Anne Head-away“, „Hans-A-Blast“ oder „Ann T. Matter“ sind schon verdammt stilvoll. Was ist dein Kampfname und warum?

Ich habe nach einigem überlegen Basic Instinkt gewählt. Hatte den mit anderen wie, Blonde Panther, Liz Blitzkrieg und Persona non grata auf meiner Liste. Als ich mir den Film dann nochmal angeschaut habe, gab es eine Szene bei der Michael Douglas noch eine zweite Verdächtige gesucht hat und einen Zettel in der Hand hielt mit ‚Lisa Oberman‘ drauf (Anm.: extrem ähnlich mit Lisas Nachnamen)…. Ausserdem ist Derby ja auch eine Mischung aus sexy und gefährlich… Nur nicht ganz so mörderisch und psychopathisch. Und Instinkt mit „K“ wegen Stinken. Denn, das muss man leider sagen, es ist kein sehr wohlriechender Sport

Eurer Verein BEAR CITY ROLLER DERBY aus Berlin hat drei Mannschaften. Die „Inglorious Bombshells“, die Mannschaft, in der du spielst, spielt auch europaweit gegen andere Mannschaften. Hast du hier ein Highlight von euren europäischen Ausflügen?

Also am spannendsten war unser Turnier in Nantes (‚West Track Story‘ vom 7.-8. März 2015 in Nantes) gegen 4 andere Mannschaften. Da waren sowohl A-Teams als auch B-Teams vertreten. Nantes (A), Amsterdam (A), Glasgow (B), Kallio (B) und wir.

Wir sind etwas langsam gestartet und haben unser erstes Spiel gegen Amsterdam leider verloren. Aber danach alle Spiele gewonnen. Am nervenzehrendsten war dann das Match gegen die Gastgeberinnen. Da ging es hin und her… am Schluss haben wir im letzten Jam mit 2 Punkten Vorsprung gewonnen…

Leider sind wir wegen der gesamten Punkte-Differenz nur auf dem 3. Platz gelandet und Nantes auf dem 1. (Aber weil wir ja Nantes geschlagen haben, sind wir die stillen Gewinner, find ich).

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Team der „Bear City Roller Derby“
© ventura mendoza

2010 habt ihr im Finale der Deutschen Meisterschaft knapp gegen die Stuttgart Valley Rollergirlz verloren. Pflegt man da eine gesunde Feindschaft zu den anderen Teams oder ist das dann doch eher eine große Party, wenn man gegeneinander spielt?

Ja das war bei der ersten ‚inoffiziellen Meisterschaft‘. Bei der offiziellen Meisterschaft 2 Jahre später hat unser A Team dann aber deutlich gewonnen.

Also gegen Stuttgart besteht so eine klitzekleine Rivalität… aber alles ganz gesund.

Vor allem gibt es viel Sisterhood und Verbundenheit im Roller Derby. Jeder hilft weiter, gibt Tipps, man organisiert Bootcamps füreinander und kauft Merchandising des Gegners.

Wie reagieren Typen darauf, wenn du ihnen erzählst was du in deiner Freizeit machst?

Hmm, ja Männer finden das natürlich schon nicht uninteressant. Das frühere Derby kommt ja auch eher aus der Show und Unterhaltungsecke – so ein bisschen Richtung Wrestling…, mit Hotpants, viel Schminke und zerrissenen Strümpfen…aber in den letzten Jahren hat sich Roller Derby immer mehr zu einem athletischen Sport entwickelt.

Was würdest du jemanden raten, der Roller Derby ausprobieren möchte?

Es gibt in jeder größeren Stadt mittlerweile Teams. Einfach anschreiben und fragen wann der nächste Kurs losgeht und/oder mal bei einem Spiel zugucken. Wenn man schon Rollschuhfahren kann ist das natürlich gut, wenn nicht – so wie ich – braucht man viel Geduld und ein bisschen Ehrgeiz.

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Lisa aka „Basic Instinkt“
© ventura mendoza

Letzte Frage: warum stehst du morgens auf?

Also ich stehe generell sehr ungern auf. Und gehe auch ungern ins Bett. Aber wenn ich aufstehen muss, dann mit/für(s) Kaffee, Sonne, Liebe, Training, Arbeit, und im Surfurlaub steh ich für gute Wellen auch mal um 6 Uhr auf.


Wer Lisas Team und einen großartigen Nischen-Sport unterstützen möchte, kann dies auf der aktuellen Crowdfunding-Kampagne tun, um das A-Team zu den Play-Offs nach Detroit zu schicken:

Bear City Roller Derby D2 Play-Offs Crowdfunding-Kampagne

Interview geführt im Juli 2015

Alle Fotos mit freundlicher Genehmigung von Insane Motion und Ventura Mendoza

 

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