Warum man mit dem Motorrad von München nach Istanbul fährt oder: wenn man von auslaufendem Benzin high wird

Markus, Art Director, München


Markus, 2014 bist du mit deinem Freund Knut aus Berlin mit dem Motorrad von München nach Istanbul gefahren. Warum zum Henker tut man so etwas?

Ich hole mal etwas aus: bei mir hat man vor ein paar Jahren eine unheilbare Augenkrankheit festgestellt und mir gesagt: in ein paar Jahren bist du blind! Die Ärzte meinten man könne dieses und jenes tun, müsse aber erstmal beobachten. Meine Sehkraft wurde daraufhin immer schlimmer, bis ich nur noch 5% auf einem Auge hatte. Dann wurde ich in einer Friss-oder-Stirb-OP operiert; man wusste nicht, ob es funktionieren würde. Und da dachte ich mir: worauf wartest du eigentlich? Bis du 50 bist? Und dann kaufst du dir eine Harley? Und schaust dir die Welt an?

Oder du machst es jetzt!

Worauf wartest du eigentlich? Bist du 50 bist?

Also habe ich angefangen Gleitschirm zu fliegen, Kajak zu fahren und viel zu reisen. Dabei hatte ich aber immer Angst vor einem bestimmten Gutachten, dass ich fürs Motorrad gebraucht habe. Weil ich dachte, der Augenarzt sagt sowieso „Nein“. Naja, eines Tages bin ich dann hin und der Augenarzt meinte: „Du hast dich daran gewöhnt, dass du auf einem Auge nur 5% Sehkraft hast…mein Ok bekommst du.“

Knut, den ich seit dem Studium kenne und mit dem ich auch die Gleitschirmausbildung gemacht habe, fährt seit 20 Jahren Motorrad und meinte: kauf dir ein Motorrad! Nachdem ich also den Stempel vom Arzt hatte, habe ich die Ausbildung innerhalb von zwei Wochen gemacht. Außerdem wusste ich schon immer, welches Motorrad ich will, da ich eine eine gewissen Reichweite wollte. Da gab es nur drei.

  • Die Tiger von Triumph
  • Die KTM Adventure
  • Die BMW Adventure

Und BMW ist einfach cool, daher wurde es die.

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Markus‘ BMW Adventure

Naja, und dann haben wir immer das „Long Way Round“-Video geschaut und ich dachte mir: was tun wir hier eigentlich? Sitzen auf der Couch und erfreuen uns an den Abenteuern anderer Menschen.

Dann habe ich Knut von der Idee erzählt, aber er hatte weder Urlaub, noch ein Motorrad, noch einen Plan. Ich meinte einfach: ich kümmere mich um die Planung, du um deine Sachen.

Dann habe ich ca. 4 Monate geplant und konnte machen was ich wollte.

Also du hast die Strecke geplant?

Genau. Ich habe so ein Navigations-Tool von Garmin und Google Earth benutzt, habe von jedem Land 2-3 Landkarten von verschiedenen Herstellern gekauft, sowie jeweils einen Reiseführer.

Und dann fand die Reise eigentlich schon vor dem Urlaub statt, weil das Bild der Tour immer größer wurde ich gesagt habe: Ok, entweder es kommt jemand mit oder ich fahre das Ding alleine.

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Tourplanung

Kurz mal zurück: wie geht es deinen Augen den heute?

Ich habe nur noch eins. Also 3D-Sehen und kleine Dinge sind nicht so optimal, aber beim Motorradfahren ist das Sichtfeld das Entscheidende. Und solange das nicht beeinträchtigt ist, bzw. man sich an die Sicht gewöhnt hat, ist das kein Problem. Nur das Gehirn läuft halt mehr auf Hochtouren, da man die Bilder mit einem Auge verarbeiten muss und daher wird man schneller müde. Das eine Auge war vor der OP damals schon ziemlich hinüber, aber das andere konnten sie mir von 60% auf 95% Sehkraft bringen.

Das klingt jetzt vielleicht alles so negativ. Aber am Ende kannst du es nicht ändern und musst dich für einen Weg entscheiden: tust du dir leid oder machst du jetzt das, was andere, die gesund sind, vielleicht noch nicht mal machen, wenn sie 60 sind.

Weil die Couch dann doch bequemer ist?

Ja, vielleicht.

Ok, weiter mit der Tour. Du hattest ja dann nicht wirklich viel Fahrpraxis…

Ich hatte null Fahrpraxis.

Und dann gleich so eine Tour? Das war dann sicher stark getrieben durch deinen Gesundheitszustand und dem Wunsch, das Leben zu genießen?

Ja, ich denke schon. Viele Leute meinten: ey, das ist doch total verrückt! Und ich habe dann immer gesagt: es ist total verrückt das nicht zu machen!

Der Führerschein lief wie blöd. Ok, ich habe etwas Prüfungsangst. Aber ich habe mir zur Prüfung einfach ein paar Beruhigungspillen eingeworfen und dann lief das ganz entspannt.

Eine Woche nach der Prüfung habe ich „Adventure“ bei mobile.de eingegeben und mein Motorrad gefunden. Ich bin dann zum damaligen Besitzer nach Freising gefahren und als die Garage aufging, dacht ich: ok, ich habe mich komplett überschätzt. Denn das Motorrad wurde größer und größer je weiter das Tor aufging. Die Adventure ist ja die größte Straßen-Enduro von BMW. Aber dann kam wieder Gedanke: ich mache das jetzt. Also habe ich sie gekauft.

Obwohl ich nichts konnte. Keine Serpentinen, nichts. Das habe ich alles später geübt.

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Serpentinen in Montenegro

Du hast vor der Tour noch geübt?

Klar. Das Motorrad wiegt vollgetankt gute 300 Kg. Ich bin dann auf einen Parkplatz am Olympiapark in München und bin die Übungen aus der Fahrschule nachgefahren. Und alleine das war schon ein deutlicher Unterschied verglichen mit dem Motorrad, das ich in der Fahrschule hatte. Am gleichen Tag bin ich dann zum Wilden Kaiser gefahren, um Serpentinen zu üben. Dann bin ich weitergefahren und war auf einmal im Zillertal. Alles ohne Probleme und ich dachte mir: „na dit läuft!“. Also bin ich noch die Zillertaler Höhenstraße gefahren: die fährst du bis 2.500 Meter hoch und die Kurven im Stehen und im ersten Gang. Dann bin ich noch eine Skipiste am Aachensee hochgefahren, um zu sehen wie das Motorrad klettern kann bis der Reifen hinten durchdreht.

Aber richtig fahren lernt man dann eh auf der Tour.

Auf der ich dann natürlich alles falsch gemacht habe was geht.

Inwiefern?

Wir hatten zahlreiche Flussüberquerungen. Mal niedriger Wasserstand, mal hoher. Ich habe bestimmt sechs Mal mein Motorrad versenkt. Durch Flüsse mit geringem Wasserstand bin ich langsam durchgefahren, was ein Fehler ist, da sich dort Algen bilden und man auf denen mit zu geringer Geschwindigkeit wegrutscht. Bei Geröll im Wasser war ich zu schnell, was auch nicht so optimal war. Wir haben uns auch an Bergen in Albanien festgefahren. Da hast du halt keinen ADAC.

War es gut, dass ich die Tour nicht alleine gemacht habe?

Ja!

Wie festgefahren?

Vor dir ist ein Berg und das Navi sagt dir, dass es nach rechts geht. Da gibt es aber nur einen kleinen alpinen Feldweg. Auf dem haben wir uns dann festgefahren weil die Reifen durchgedreht sind und wir nicht weiterkamen. Die nächste Stadt ist 20 km entfernt, die Sonne geht unter und es fängt an zu gewittern. Das Adrenalin geht nach oben…ist dann so eine Mischung aus heulen und brüllen. Und du bist allein. Abgesehen von irgendwelchen Schäfern, die man in der Ferne sieht.

Und du weißt: wenn du einen Fehler machst, war es das. In den Bergen von Albanien findet euch niemand.

Und diese Erfahrung war besonders. Und natürlich auch neu für uns.

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Festgefahren in Albanien

Wahrscheinlich eine sehr elementare Erfahrung.

Absolut. Und man fragt sich schnell: war es gut, dass ich die Tour nicht alleine gemacht habe? Und beantwortet diese sehr schnell mit: Ja!

Ihr seid, je nach Land, am Tag zwischen 300 und 400 km gefahren und jeder Tag muss ein Abenteuer gewesen sein. Welche Eindrücke sind bis heute am stärksten von der Tour hängengeblieben?

In Griechenland stand ich eine Viertelstunde stumm und in voller Montur und mit Helm vor dem Olymp und habe versucht, zu realisieren, dass ich jetzt dort bin. Das war nicht einfach, weil das irgendwie doch surreal war.

Als wir in den Bergen von Montenegro unterwegs waren, habe ich auf einmal gemerkt, dass ich leicht high wurde. Das lag am Benzin, denn die Dichtung meiner Einspritzdüse war defekt. Knut hat die zwar repariert, aber irgendwann stand ich und es ging gar nichts mehr. Das war am vierten Tag und wir dachten: ok, das war es mit der Reise. Wir standen also in den Bergen an einem See in einem Nationalpark an der Grenze zu Albanien, der wunderschön war, den wir in diesem Moment aber nicht genießen konnten. Die Leute, die am Seeufer mit ihren Booten beschäftigt waren, sind auf uns aufmerksam geworden und fingen an, für uns nach einer Dichtung zu suchen. Hat natürlich keiner gefunden. Dann habe ich Knut mit GPS in den nächsten Ort geschickt, damit er dort nach einer Dichtung sucht. In der Zwischenzeit hat mich Ivan, ein Gastwirt, in sein wunderschönes Haus am See auf ein Bier eingeladen. Dabei hat er mir von seinem Land, seiner Familie und von seinem Haus erzählt. Irgendwann kam Knut mit der Dichtung zurück und wir haben uns von Ivan verabschiedet und sind weitergefahren.

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Ivan in seinem Gasthaus

Ein halbes Jahr später, als wir wieder in Deutschland waren, habe ich mein XING-Profil aktualisiert und gesehen, dass eine Dame auf meiner Seite war. Ich habe sie angeschrieben und es hat sich herausgestellt, dass sie recherchiert hat weil sie gerade in Montenegro im Urlaub war. Irgendwann habe ich ihr die Geschichte von Ivan erzählt und ihr den Weg zu ihm beschrieben. Sie hat sich einen Mietwagen genommen und ist hingefahren. Vor Ort- ich bekomme gerade Gänsehaut- hat sie ein Foto von Ivan und dem Haus gemacht und von mir erzählt. Ivan hat ihr dann eine Weinflasche mitgegeben, auf deren Etikett auch das Haus zu sehen ist. Diese Dame habe ich dann in München getroffen. Und bin mit ihr zusammengekommen.

Fuck!

Allerdings.

Oder als wir über die Grenze nach Albanien gefahren sind. Du kommst dir nicht mehr vor wie in Europa, sondern fühlst dich einfach nur fremd. Und so schauen dich auch die Leute an. Man fährt an Eselskarren vorbei und an albanischen Omas und kommt aus einer ganz anderen Welt.

Aber jeder Tag war besonders. Man wundert sich darüber, wie gut man geplant hat und gleichzeitig darüber, was man so aushält. Zum Beispiel 400 km durch ein Gewitter zu fahren fahren.

Wo war das?

In einer Hochebene in der Türkei. Da hätten wir die Tour fast abgebrochen weil wir unterschiedlicher Meinung darüber waren was wir tun sollten. Am Ende sind wir mit eingezogenem Kopf durch das Gewitter gefahren weil unser Zeitplan sonst hinüber gewesen wäre.

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Albanien

Wie haben denn die Menschen unterwegs auf euch reagiert?

Man kommt natürlich sehr schnell ins Gespräch, wenn man mit zwei Motorrädern und der ganzen Ausrüstung unterwegs ist. Die Menschen haben dann meist viel von sich erzählt, wie sie leben und so. Im ehemaligen Jugoslawien haben sie uns viel vom Krieg erzählt. In Griechenland war die politische Lage allgemein und die deutsche Politik im speziellen natürlich ein Thema. Manche dachte, dass wir runtergefahren sind, um uns vor Ort Immobilien anzuschauen, die wir kaufen wollen…

Knut und du seid lange befreundet. Aber wie ist das, wenn man auf einmal soviel Zeit so eng miteinander verbringt?

Wir sind recht unterschiedlich. Ich bin eher der Planer und Knut der „Schauen wir mal“-Typ. Und das kollidiert ab und an miteinander. Da ich die Tour geplant hatte, hatte ich auch die Route im Kopf und konnte daher nicht so entspannt sein, weil ich die ganze Navigation gemacht habe und wusste: wir müssen dann und dann dort und dort sein. Er war dann manchmal etwas entspannter und meinte: hey, das können wir auch morgen fahren, lass uns mal mehr Zeit an dem und dem Ort verbringen. Das hat nicht ganz in meine Planung gepasst…

Dazu kommt, dass ich ein kleiner Ausrüstungs-Fetischist bin. Ich habe monatelang Gaskocher, Zelte und Schlafsäcke recherchiert und hatte immer das Nonplusultra. Und ich habe alles vor der Tour getestet. Er überhaupt nicht. Er hat sein Motorrad einen Tag vor Abreise bekommen und hatte noch nicht mal sein Zelt aufgebaut. Und dann standen wir irgendwie am Arsch der Heide in Slowenien und dann hat er sich überlegt wie das eigentlich mit seinem Zelt so funktioniert.

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Camping am Aliakmonas

Auf eurem Reise-Blog transbalkan2014.com habt ihr eure Packliste veröffentlicht, bei der man gefühlte fünf Minuten nach unten scrollen muss. Worauf hättest du im Nachhinein bei der Ausrüstung verzichten können und was war ein absolutes Must-Have?

Wir haben tatsächlich alles gebraucht, was wir dabei hatten. Was jedoch essenziell war, war ein Aufladekabel für das Handy. Das funktioniert ganz normal mit dem Zigarettenanzünder vom Motorrad. Und wenn man in der Walachei ist, ist das Handy die einzige Verbindung zur Außenwelt.

Womit auch klar wäre, wie ihr von unterwegs gebloggt habt.

Was war überbewertet?

Der Reifenheber. Einen Reifenheber mitzuschleppen ohne Ersatzreifen fürs Motorrad macht nicht viel Sinn.

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Markus in Slowenien

Welchen Tipp würdest du jemandem geben, der auch so eine Tour plant?

Sich mit den Ländern zu beschäftigen. Am Ende gibt es keine Garantie für irgendwas, aber eine gewissen Vorbereitung ist durchaus sinnvoll. Ansonsten: einfach machen.

Wie war denn der „Ostblock“?

Viel wilder und schöner als das restliche Europa. Wir waren noch nie so einsam und haben noch nie so viele Nationalparks gesehen wie dort.

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Kotor, Montenegro

Ihr habt für die Reise BMW Motorrad als Sponsor gewonnen. Wie kam es dazu?

Da die Motorräder nicht günstig sind und Knut weder Zeit, noch Geld, noch ein Motorrad hatte, habe ich aus meiner Planung eine Präsentation erstellt. Knut hat dann alles durchtelefoniert: von Aral über Mammut bis Jack Wolfskin. Und natürlich auch BMW. Durch einen glücklichen Zufall ist Knut bis zur Marketingabteilung des Adventure-Programms in München durchgekommen. Er hat ihnen dann meine Geschichte erzählt. Und einen Typ, der kaum sehen kann und zudem mit keinerlei Fahrpraxis gleich nach Istanbul will, wollten sie kennenlernen. Da Knut und ich beide beruflich in der Grafik zuhause sind, haben wir die Präsentation dementsprechend aufbereitet. Wir haben dann eine Stunde Zeit bekommen, um die Idee vorzustellen. Und die Idee war: sie können gern dabei sein. Aber wir machen die Tour in jedem Fall. Mit oder ohne BMW. Aber wenn sie dabei sein möchten, dann brauchen wir das und das. Am Ende haben wir uns darauf geeinigt, was wir auf dem Blog posten und in welcher Frequenz und BMW Motorrad hat uns großartig unterstützt.

Das bloggen an sich war dann dank iPhone, der WordPress-App und Siri recht entspannt.

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Wieder zuhause

Hast du Pläne für eine nächste Tour?

Einige. Die West-Sahara reizt mich. Genauso wie das Nordkap und Schottland. Aber erstmal möchte die ganze Inhalte der Transbalkan aufbereiten. Ich arbeite an einem Buch über die Motorrad-Tour. Da ich auch Fotograf bin, habe ich unterwegs mit der Nikon D800 viele Bilder gemacht, die man halt auch richtig groß ziehen kann. Eine Ausstellung wäre also auch denkbar.

Letzte Frage: warum stehst du morgens auf?

Um das zu tun, was mir Spaß macht. Sei es beruflich oder privat. Das was ich am wenigsten kann, nämlich sehen, habe ich zu meiner Leidenschaft gemacht: ich fotografiere viel und beschäftige mich jeden Tag beruflich mit Designs. Jeder Augenarzt sagt mir, dass ich nicht so lange vor dem Monitor sitzen sollte. Aber ich will nichts anderes machen. Ob das richtig oder falsch ist, kann ich dir nicht sagen. Aber es fühlt sich gut an.


 

Interview geführt im Februar 2015

Alle Fotos mit freundlicher Genehmigung des Urhebers

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