Warum man visuelle Kommunikation für Flüchtlinge entwirft oder: warum gutes Design so wichtig ist

Amelie, Visuelle Kommunikatorin, Mühlacker


Amelie, für deine Abschlussarbeit in Visueller Kommunikation hast du mit „Mein Deutschland“ ein tolles Set entwickelt, das Flüchtlingen hilft, auf visuelle Art und Weise Sprache und Kultur in Deutschland kennenzulernen. Wie bist du auf die Idee gekommen?

Ich begann im Oktober 2014 eine afghanische Flüchtlingsfamilie in meiner Heimat als sogenannte „Flüchtlingspatin“ zu betreuen. Das heißt ich begleite sie zu Ärzten, helfe bei Behördenbriefen oder besuche sie auch einfach mal und trinke einen Tee. Am Anfang fiel es mir sehr schwer mich mit ihnen zu verständigen, da sie weder Deutsch noch Englisch sprechen – auch Lesen und Schreiben konnten sie nicht, da sie nie eine Schule besuchten. Das fand ich so befremdlich und unvorstellbar, dass ich mich weiter mit den Thema befasste und spezielle Alphabetisierungskurse besuchte, um zu erfahren, wie die Menschen, für die hier alles noch so neu ist, in die deutsche Sprach- und Zeichenwelt eingeführt werden. Dabei merkte ich, dass die Kurse recht spärlich besucht werden. Durch viel Recherche und sämtliche Gespräche wurde mir nach und nach klar, dass die Menschen hier mit der Situation einfach total überfordert sind: Sie haben eine schwere, oft traumatische Reise hinter sich, sind nun in einem völlig fremden Land mit fremder Mentalität und haben oft auch keine Erfahrung mit dem schulischen Lernen wie wir es kennen. Da war mir klar: es muss etwas geben, das diesen Menschen hilft hier besser anzukommen!

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Visuelle Integrationshilfe: „Mein Deutschland“

Hast du noch Kontakt zu der Familie? Weißt du wie es ihr heute geht?

Ja, erst gestern haben wir uns gesehen! Sie wohnen immer noch hier und durften vor kurzem in eine etwas größere Wohnung umziehen. Darüber sind sie sehr glücklich und haben es ganz stolz erzählt!

Das Set ist gegliedert in sechs Kapitel. Kannst du etwas zu den Kapiteln sagen?

Es gibt sechs Kapitel, die von einem Asylbewerber (gemeinsam mit einem Ehrenamtlichen) entdeckt werden. Die Kapitel befassen sich z.B. mit Zahlen, deutscher Küche, oder Geografie. Dabei soll nicht nur ein Einstieg in die Schrift und Sprache geschaffen, sondern auch der Austausch der beiden Kulturen gefördert werden. So lernt nicht nur der Asylbewerber neue Wörter, sondern auch der Ehrenamtliche weiß danach, was z.B. „Hallo“ im Herkunftsland seines Gegenübers heißt.

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„Mein Deutschland“: Bilder statt Text / © Hochschule Pforzheim

Also nicht diese typische passive Vokabel-Beschallung.

Richtig. Gerade das bisherige Material ist nicht für alle Ankommenden geeignet, da es sehr schulisch aufgebaut ist. Ich halte nichts von sturem Auswendiglernen des Alphabets, sondern finde es viel wichtiger, Motivation zu erschaffen und zu zeigen, dass der große Berg, den es zu bewältigen gibt, gar nicht so hoch ist. Und wir wissen ja selbst, dass man viel besser etwas lernt, wenn man dabei Spaß hat!

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„Mein Deutschland“: kommunizieren mit Stickern / © Hochschule Pforzheim

Welche Erfahrungen gibt es bisher bei der Arbeit mit dem Buch?

Da es bisher nur ein einziges Exemplar des Ordners gibt (eben meine Abschlussarbeit), wurde es noch nicht breit eingesetzt. Die Erfahrungen, die es bisher gibt, sind durchweg positiv. Die Flüchtlinge sind glücklich, dass man sich für ihre Geschichte interessiert und dass sie z.B. auf einer Landkarte zeigen können, woher sie kommen. Die Ehrenamtlichen fühlen sich ebenfalls unterstützt, da es auf jeder Seite einen kleinen Abschnitt mit Hilfestellungen gibt und zudem noch ein extra „Begleitheft“ mit einführenden Worten und vielen Tipps.

Was ist dein Wunsch, wo der Ordner eingesetzt wird?

Mich erreichen täglich Anfragen von interessierten Menschen, die den Ordner gerne kaufen möchten. Das sind zum einen Privatleute, die sich gerne engagieren möchten, aber nicht genau wissen wie, und zum anderen Kommunen, Landratsämter oder Schulen. Ich möchte, dass der Ordner allen zugänglich gemacht wird; besonders wichtig ist mir aber, dass ihn auch Einzelpersonen nutzen können. Es gibt einfach so viele Menschen, die noch eine Hemmung haben auf Flüchtlinge zuzugehen und der Ordner soll ihnen diese ein Stück weit nehmen und einen ersten Austausch ermöglichen.

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Kann man den Ordner denn offiziell kaufen? Oder anders: was muss ich tun, um ihn zu bekommen?

Bisher kann man ihn noch nicht kaufen. Ich führe aber bereits Gespräche mit Verlagen und es haben auch schon einige Sponsoren ihr Interesse bekundet – ich hoffe also, dass es nicht mehr lange dauert bis der Ordner zum Einsatz kommt.

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Hast du denn weitere Pläne für soziale Projekte? Wie geht es für dich nach dem Studium (Anm.: Amelie hat im Juli ihren Bachelor of Arts in Visueller Kommunikation gemacht) aktuell weiter?

Gerade bin ich fast ausschließlich mit meinem Projekt beschäftigt – zudem bin ich freiberufliche Kommunikationsdesignerin und habe dadurch immer wieder kleinere Jobs. Ursprünglich wollte ich nach dem Studium die Welt bereisen, das hat sich jetzt aber erst einmal auf unbestimmte Zeit nach hinten verschoben.  „Mein Deutschland“ soll nicht das letzte soziale Projekt bleiben, ich habe schon andere Ideen im Kopf… Jetzt muss ich aber erst einmal den ersten Schritt zu Ende bringen!

So viel zu tun, so wenig Zeit, richtig?

Exakt!

Letzte Frage: Warum stehst du morgens auf?

Die Frage ist für mich gerade gar nicht so schwer zu beantworten. Ich habe einen verdammt guten Grund! Eine Aufgabe, einen Sinn. Und das ist zwar anstrengend und kostet oft auch Zeit und Nerven, aber ich weiß, dass ich das richtige tue und dass, wenn ich mich jetzt anstrenge, nicht nur selbst davon profitiere, sondern, wenn alles gut läuft, noch viele hundert oder tausend andere Menschen auch!


Interview geführt im September 2015

Bildmaterial mit freundlicher Genehmigung der Urheberin

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