Warum man als Deutschlehrer von Berlin in die Mongolei geht oder: wenn "langfristig" "heute Nachmittag" bedeutet

Stephan, Deutschlehrer, Ulan Bator


Stephan, warum zum Teufel geht man als Deutschlehrer von Berlin in die Mongolei?

Ja, warum zum Teufel? Zugegeben, es klingt schon etwas durchgeknallt, sich mit knapp 60 Jahren von der geregelten Gymnasiallehrertätigkeit in Berlin in die Steppen Zentralasiens zu verdünnisieren.

Mongolei_Ulan Bator
Stephan bei seiner Ankunft in Ulan Bator

Na und! Abwechslung bereichert das Leben. Von einer Arbeit im Ausland hatte ich ein Lehrerleben lang geträumt, was aber mit den Unterrichtsfächern Französisch, Geschichte und Politik lange Zeit nicht möglich war. Inzwischen werden aber auch Fremdsprachenlehrer als Deutschlehrer (DaF = Deutsch als Fremdsprache) eingesetzt. Außerdem entsendet Berlin, gemeinsam mit den östlichen Bundesländern, Lehrer an ausgewählte Schulen Mittel- und Osteuropas sowie Asiens, um dort die deutsche Sprache zu unterrichten. Und die früher einmal bestehenden Altersgrenzen für einen Auslandseinsatz sind deutlich angehoben worden.

Familiäre Hemmnisse gab es nicht: Meine erwachsenen Kinder fanden die Idee toll und bestärkten mich in meinen Plänen, die letzten Jahre vor dem Ruhestand nochmal was ganz Neues auszuprobieren. Als beamteter Lehrer sind die Risiken eines solchen Schritts ohnehin deutlich überschaubarer als für einen Angestellten oder Freiberufler – wenn’s nicht klappt, ist die Stelle in Deutschland auf jeden Fall sicher.

Von der Mongolei wusste ich nicht viel, was sehr für dieses Land spricht: Außer in romantischen Reiseberichten im Fernsehen kommt sie in den Medien in Deutschland kaum vor. Das liegt an den recht stabilen Verhältnissen hier und hebt das riesige Land in Zentralasien, zwischen den noch riesigeren Nachbarn Russland und China gelegen, wohltuend von manch anderer Weltregion ab. Hinzu kommt, dass es Spinnen, Mücken und grässliche Krankheiten kaum bis gar nicht gibt, dafür Kamele, jede Menge Schafe und Pferde sowie Murmeltiere.

Mongolei
Dünenlandschaft in der Mongolei

Wie hast du dich auf die Mongolei vorbereitet und wie diesen neuen Schritt geplant?

Naja, erstmal war gar nicht klar, dass es die Mongolei sein sollte. Jerewan war auch im Gespräch – ich fing schon an, mich auf die legendäre Radiostation zu freuen. Im Prinzip war da nämlich auch eine Deutschlehrerstelle zu besetzen, aber Anfang März 2013 bekam ich dann einen Anruf von der Berliner Schulverwaltung mit der Bitte, mich bis zum Wochenende zwischen Tashkent, Usbekistan, und Ulan Bator, Mongolei, zu entscheiden.

Da fiel mir die Entscheidung nicht schwer: Wenn, dann richtig!

Wie gesagt, von der Mongolei wusste ich nicht viel, ausser, dass es ein großes, fast menschenleeres Land zwischen Russland und China ist und dass es, im Gegensatz zu Usbekistan, keine ehemalige Sowjetrepublik ist. Und dass es ein buddhistisches, asiatisches Land ist. Also ganz weit weg von der vertrauten europäisch-vorderasiatisch geprägten Welt. Die Möglichkeit, wirklich eine andere Welt per Innenansicht kennenzulernen; war doch bisher mein Blick als geborener West-Berliner immer nach Westen gerichtet. Weiter als bis an die Ostgrenze Polens war ich in die Gegenrichtung nie gereist. Da fiel mir die Entscheidung nicht schwer: Wenn, dann richtig!

Nun gibt es die Zentralstelle für das Auslandschulwesen (ZfA), jetzt in Bonn, früher in Köln. Diese Dienststelle des Bundesverwaltungsamts betreut nicht nur die ca. 140 Deutschen Schulen im Ausland, sondern unterstützt auch mit über 50 Fachberatern die Arbeit von weltweit mehr als 1.100 Schulen, an denen man das Deutsche Sprachdiplom (DSD) der Kultusministerkonferenz erwerben kann. Was wiederum recht begehrt ist, weil es den Zugang zu einem Studium in Deutschland ermöglicht.

Der Kontakt mit dem Fachberater in Ulan Bator war umgehend hergestellt. Erst per Mail, dann via Skype. Schnell wurde mir klar, dass auch woanders Alltag herrscht und die Lebensbedingungen in der Stadt sich von denen in Mitteleuropa gar nicht so sehr unterscheiden. Und Schule ist Schule – aber eben spannender, interessanter und anders, als ich sie bisher im Rheinland und dann fast 30 Jahre lang erst im geteilten, dann wiedervereinigten Berlin erlebt hatte. Vor allem erfuhr ich, wie offen, herzlich und spontan die mongolischen Schüler, aber auch das gesamte Umfeld sind.

Jedenfalls stimmte mich dieser erste Kontakt zuversichtlich, den nun langsam konkreter werdenden Schritt schon bewältigen zu können. Ausserdem war ja gerade mal April, der Schulbeginn am 1. September lag noch in weiter Ferne.

Als ich sie fragte, was ich ihnen denn überhaupt noch beibringen könne, kam cool zurück:

„Wir bringen Ihnen Mongolisch bei!“

Auch der Kontakt mit einer Deutschlehrerin meiner neuen Schule, die im Sommer 2013 mit einer Schülerinnen-Folkoregruppe, den „Steppenmädchen“, durch Deutschland tourte, war sehr erfrischend. Bei Cola und Kuchen in Neubrandenburg, nachdem die Gruppe mongolische Lieder, Kehlkopfgesang, „Marmor, Stein und Eisen bricht“ und Schlangenakrobatik aufgeführt hatte, erfuhr ich, dass es kein Problem sei, in Ulan Bator innerhalb eines Tages eine Wohnung zu finden, und ich natürlich zum 90. Geburtstag meiner Mutter kurz mal eben nach Deutschland zurückreisen könne. „Klar, das wird geregelt!“ Die meisten Mitwirkenden sprachen zudem recht gut Deutsch – als ich sie fragte, was ich ihnen denn überhaupt noch beibringen könne, kam cool zurück: „Wir bringen Ihnen Mongolisch bei!“.

Deutschklasse in der Alexander von Humboldt-Schule in Ulan Bator
Deutschklasse in der Alexander von Humboldt-Schule in Ulan Bator

Inzwischen hatte man mich mit einem Mongolei-Reiseführer beschenkt, in dem ich ab und zu etwas blätterte. Aber diese Art von Literatur lese ich meist im Nachhinein, denn erst dann kann ich mit den Beschreibungen wirklich etwas anfangen. Der Führer kam jedoch ins Handgepäck und verkürzte mir im August die Anreise. Und leistet mir auch jetzt, nach über zweieinhalb Jahren, gute Dienste.

Eine größere Hürde, die mir immer wieder Angst vor dem eigenen Mut machte, war die praktische Durchführung: Wohnung untervermieten, Auto verkaufen, Telefon abmelden sagt sich so leicht, aber erfordert einigen Aufwand, Planung und Energie. Erstmal genoss ich also die Sommerferien in Portugal und bei einer fröhlichen Radtour die Oder entlang, ehe es dann wirklich langsam ernst und die Zeit knapp wurde. Mit Hilfe einer meiner Töchter und deren Partner klappte es aber wunderbarerweise reibungslos, den wirklich schwierig erscheinenden Teil der Reisevorbereitungen in weniger als drei Wochen wie nebenbei zu bewältigen. Und eh ich mich versah, saß ich am 14. August 2013 in der freigeräumten Wohnung auf gepackten Koffern.

Stephan sitzt auf seinen gepackten Koffern. Wörtlich.
Stephan sitzt auf seinen gepackten Koffern. Wörtlich.

Du meintest, dass der Alltag in Ulan Bator sich nicht groß von Städten in Mitteleuropa unterscheidet. Wie sieht es mit der Mentalität der Mongolen aus? Wie würdest du diese beschreiben?                  

Offen, herzlich, fröhlich, unkompliziert und hilfsbereit. Am besten einige Beispiele:

So war es für mich kein Problem, für meinen Rechner eine USB-Weiche zu kaufen. Auch auf Deutsch gehört dieser Begriff nicht zu denen, die ich täglich im Munde führe. Als ich in einem Elektronikmarkt dem Verkäufer mein Begehren klar gemacht hatte, gab er mir zu verstehen, dass er diesen Artikel nicht führe. Bat mich aber zu warten, verschwand kurz und kam mit einem Zettel wieder, auf dem er den Begriff auf Mongolisch notiert hatte. Er begleitete mich auf die Straße, um mir den Weg zu einem Geschäft zu zeigen, wo ich den Artikel dann auch erhielt. Toll!

Ab und zu werde ich auf der Straße oder im Bus angesprochen und gefragt, wo ich herkäme und ob ich länger hier leben würde. Und dann höre ich immer wieder, wie sehr man sich freue, dass Ausländer in die Mongolei kommen und hier arbeiten und dass man hoffe, dass sie sich hier auch wohl fühlen.

Bei der Arbeit, aber auch mit unbekannten Menschen auf der Straße, fällt mir ein ausgesprochener Sinn für Situationskomik auf. Man lacht gerne, viel und herzlich.

Jeder hilft, wenn es nötig ist, weil auch jeder irgendwann einmal auf Hilfe angewiesen ist.

Im Januar war ein Bekannter meiner Tochter beruflich für eine Woche hier und hatte das Wochenende frei. Anlass für mich und einige Bekannte, mit ihm einen Ausflug nach Sainshand, das liegt 450 km entfernt im Südosten nahe der chinesischen Grenze, zu machen. Ein russischer „Fourgon“, ein geländegängiger Kleinbus rustikalen Charmes, war samt Fahrer schnell gechartert. Auf der Rückfahrt am Sonntagabend machte der Motor Probleme; gegen 23:30 Uhr auf freier Strecke im Nirgendwo bei – 20° Aussentemperatur riss dann der Keilriemen. Der Fahrer blieb cool, telefonierte zweimal, fuhr darauf einige Kilometer von der Straße ab und hielt in stockfinsterer Nacht vor einer Jurte. Wir wurden hineingebeten – immerhin 9 Leute! – und wie alte Bekannte, die man sehnsüchtig erwartet hatte, begrüßt. Es wurde Tee gekocht, Gebäck gereicht, später noch Fleisch (tiefgefrorenes, klar, bei den Temperaturen!) von draußen geholt und zubereitet.

-20°C. Am Morgen.
-20°C. Am Morgen.

Währenddessen fuhr der Hausherr – kann man das bei einer Jurte sagen? – mit unserem Fahrer fort, offensichtlich, um von einem Bekannten in der Nähe aus dessen Fahrzeug den Keilriemen zu demontieren.  Um 03:00 h am Morgen nach erfolgter Reparatur kam der Fahrer wieder, wusch sich etwas die Hände – Wasser muss von einer Wasserstelle geholt werden oder aus Schnee geschmolzen werden, ist deswegen sehr kostbar und wird äußerst sparsam verwendet – und die Tour ging weiter.

Wie würde ich in Deutschland reagieren, wenn ein Schulkamerad meines Sohnes Sonntagabend gegen Mitternacht mit 8 Leuten unverhofft vor der Tür stünde und bis 03:00 h den einzigen Wohn- und Schlafraum meiner Familie in Beschlag nehmen würde?! Aber die Gastgeber blieben lustig und munter, kamen sogar noch zum Winken vor die Tür, als wir uns endlich davon machten.

Man sagt mir, dass die große Hilfsbereitschaft hier normal sei. Das Nomadenleben in einem fast menschenleeren Land habe die Menschen geprägt: Jeder hilft, wenn es nötig ist, weil auch jeder irgendwann einmal auf Hilfe angewiesen ist.

Mongolei_Jurte
Jurten in der Mongolei

Der Begriff „langfristig“ bedeutet ungefähr soviel wie „heute Nachmittag“. Wer weiß, ob sich das Wetter ändert, ein Sand- oder Schneesturm kommt, und wie man selbst oder die Tiere damit klarkommen. Das führt zu einer großen Leichtigkeit, man genießt den Augenblick, und es kommt wie es kommt. Nachteil: Verabredungen werden erst kurzfristig zu- oder abgesagt bzw. verschoben, Vereinbarungen nicht immer eingehalten. Speziell in der Schule ist es schwierig, Schüler auf ein Monate oder Jahre entferntes Ziel zu motivieren. Es wird schon irgendwie klappen, warum sich vorher Gedanken machen? Und wenn nicht, geht das Leben auch weiter.

Was würdest du jemandem raten, der auch mit dem Gedanken spielt, für den Job ins Ausland zu gehen?

Sich das vorher gründlich zu überlegen und dann ins kalte Wasser zu springen. Sich zu informieren, ohne zu erwarten, nun Bescheid zu wissen. Offen an die Sache ranzugehen und die neue Realität nicht an deutschen Maßstäben messen zu wollen. Es sind die kleinen Dinge, die geregelt werden müssen – wie schon erwähnt Telefon ab- und Onlinebanking anmelden, Autoverkauf, Wohnung kündigen oder untervermieten usw. – alles andere auf sich zukommen lassen: Es wird sowieso kaum etwas so sein wie erwartet. Dafür aber sicher spannend und interessant. Und das dann zu genießen.

Panorama von Ulan Bator
Panorama von Ulan Bator

Gibt es eigentlich noch weitere Dinge auf deiner „Bucket List“? Also noch Ziele, die du in den nächsten Jahren erreichen oder Träume, die du verwirklichen möchtest? Deine Kinder sind erwachsen, du wohnst seit 2,5 Jahren in Zentralasien. Ich habe das Gefühl, dass du noch nicht „satt“ bist…

Na, eine „Bucket List“ habe ich nicht. Mal sehen, was kommt! Hinter jeder Biegung ist bisher immer wieder eine spannende Strecke gekommen, da bin ich nicht bange, dass es auch so weiter geht. Das Leben ist ohnehin nur in Maßen planbar. In wenigen Jahren gehe ich in den Ruhestand, und bis dahin bin ich vollauf damit beschäftigt, ein faszinierendes Land von innen und in den Alltag integriert kennenzulernen.

Klar, ich habe bisher die Zeit hier genutzt, kreuz und quer durch die Mongolei zu reisen und werde das weiter tun, plane aber auch, die Nachbarländer zu besuchen. Der Baikalsee ist nur eine Tagesreise von Ulan Bator entfernt, nach Peking ist es kaum weiter als von Berlin nach Paris. Dort will ich im Sommer einige Tage verbringen.

Die Entdeckung Asiens durch Stephan K.
Die Entdeckung Asiens durch Stephan K.

Wenn meine Zeit hier abgelaufen ist – meine Stelle ist auf maximal sechs Jahre befristet – werde ich wieder nach Deutschland kommen. Dort erwarten mich nicht nur meine Kinder, sondern inzwischen auch neun Enkel. Die kommen im Moment etwas zu kurz, finde ich. Da ist einiges nachzuholen. Zur gleichen Zeit enden auch meine beruflichen Verpflichtungen. Darauf freue ich mich, seit ich 6 Jahre alt war. Mir wurde nämlich klar, dass ab der Einschulung eine Verpflichtung auf die andere folgen würde. Meine Großväter waren fröhliche Rentner, die Schule und Beruf hinter sich hatten und endlich ihr freies Leben genossen. Sie haben mir insofern früh ein verlockendes Lebensziel vorgegeben.

Na, und dann seh’ ich mal!

Ok, letzte Frage: Warum stehst du morgens auf?

Gute Frage, stell ich mir auch manchmal. Aber wenn ich jedes Mal, wenn ich es morgens in der wohligen Wärme des Bettes schön finde und den Wecker am liebsten überhören möchte, liegen bleiben würde, hätte ich längst eine zwei-Tage-Woche bzw. wäre für nicht arbeitstauglich erklärt worden. Also raff ich mich immer wieder auf, und nach dem ersten Kaffee oder Tee kann ich auch dem Leben außerhalb des Bettes wieder etwas abgewinnen. Jeder Tag bringt neue Überraschungen, die Sonne scheint, die Vögel zwitschern, die Grillen zirpen (na gut, nicht in der Mongolei!) und ich hätte eine Menge verpasst, wenn ich nicht aufgestanden wäre.

Darum fällt mir auch das Zubettgehen abends schwer…


Interview geführt im März und April 2016

Alle Fotos mit freundlicher Genehmigung von Stephan Klaißle

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