Warum man den Aconcagua besteigt oder: auf 5.000 Höhenmetern weißt du, wer du bist

Maciej, Abenteurer, München/ Aconcagua


Maciej, mit 6.962 Metern ist der Aconcagua in Argentinien der höchste Berg des amerikanischen Doppelkontinents. Warum zum Teufel steigt man auf einen Berg, der knapp 7.000 Meter hoch ist?

2013 bin ich mit meiner Frau auf den Kilimandscharo (Anm.: 5.985 Meter) gestiegen. Das war toll, romantisch und… naja, Afrika. Danach dachten wir eigentlich, dass Schluss wäre mit solchen Touren. Aber man entwickelt einen Rausch dafür. Und dann möchte man sich steigern und sich mehr vornehmen.

Und dann hat meine Frau den Aconcagua vorgeschlagen. Wir wollten nichts machen, das technisch zu anspruchsvoll ist, sondern wollten die Höhe wieder spüren. Und aus technischer Sicht ist der Aconcagua nicht schwierig, da man zum Beispiel nur selten ein Steigeisen benötigt und die Steigung nicht über 35% hinausgeht. Und im Februar 2015 ging es los.

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Der Aconcagua, Argentinien

Wo lag euer Basiscamp?

Das lag auf 4.300 Metern. Aber davor hatten wir zwei Übernachtungen auf 3.200 Metern, um uns zu akklimatisieren. Und davor waren wir in Los Penitentes, einem kleinen Dorf in Argentinien, das am Fusse des Aconcaguas und auch schon auf 2.600 Metern Höhe liegt.

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Aconcagua Basiscamp

Zur Akklimatisierung: bevor ihr nach Argentinien geflogen seid, habt ihr ein Höhentraining gemacht.

Richtig, das haben wir bei Globetrotter in München gemacht. Die haben da eine Kammer, in der sie den Sauerstoffgehalt für eine Höhe bis 4.500 Metern simulieren können. Dazu gibt es dort Crosstrainer und Laufbänder, damit man sich ein wenig bewegen kann, um den Puls auf 130 bis 140 zu bekommen. Und das soll helfen als Vorbereitung.

Hat es geholfen?

Schwer zu sagen, da wir ja den Vergleich ohne Training nicht hatten, aber ich denke schon. Mir ging es besser als auf dem Kilimandscharo und mein Eindruck war, dass das Training gut tut.

Und ich dachte: Ok, das schaffst du niemals. Was für ein Son of a Bitch!

Was ging in dir vor, als du den Berg das erste Mal real gesehen hast und dachtest: ok, da musst du jetzt hoch?

Um den Berg herum ist ein Nationalpark. Vom Eingang dieses Nationalparks kann man ihn und seinen schneebedeckten Gipfel sehen. Und da dachte ich einfach nur „Wow“. Gefolgt von einem „Respekt!“.

Als wir später auf 3.200 Metern übernachtet haben, haben wir eine Akklimatisierungstour zur Südwand des Berges gemacht. Und das war ein krasses Bild. Und du denkst: „Ok, das schaffst du niemals. Was für ein son of a bitch!“

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Maciej und seine Frau Anna

Wie langt habt ihr vom Basiscamp bis zum Gipfel benötigt?

Wir haben viele Akklimatisierungstouren gemacht. Vom Basiscamp auf 5.500 Meter, dort Übernachtung, dann wieder zurück zum Basiscamp, dort Übernachtung, dann wieder auf 5.500 Meter. Auf 5.500 Metern gibt es ein Lager namens Nido de Cóndores. Dort waren wir dann am neunten oder zehnten Tag. Dann stellt man sich den Wecker auf 3 Uhr morgens und um 4 Uhr geht es los Richtung Gipfel.

Diese Taktik wurde uns empfohlen. Es gibt auf 5.900 Metern aber noch ein Camp namens Camp Berlin und auf 6.000 Metern das Camp Cholera, wo man auch noch einmal einen Zwischenstopp machen kann.

Wir haben einige Leute getroffen, die diese beiden Stopps gemacht haben, weil man dann am Gipfeltag „nur noch“ 900 Meter vor sich hat. Unsere Tourguides haben aber die erste Variante als bessere Taktik gesehen. Wahrscheinlich weil sie für die anderen beiden Camps nicht vorbereitet waren. Deshalb haben wir es leider auch nicht ganz bis zum Gipfel geschafft.

Wie hoch seid ihr gekommen?

Laut meines Höhenmessers bis auf 6.432 Meter. Also 500 Meter haben noch gefehlt. In den Alpen wären das ungefähr zwei Stunden. Aber auf der Höhe dort ist das einfach unglaublich anstrengend. Wir waren beide platt, meiner Frau war schwindelig und ich war psychisch sehr erschöpft. Denn du gehst dort oben 20 bis 30 kleine Schritte und muss eine Pause machen. Da geht die Pumpe ordentlich bei einem Puls von 170 oder 180. Zudem ändert sich die Wahrnehmung von Distanzen. Man sieht einen kleinen Hügel, zu dem man muss und denkt sich: „ach, 5 Minuten“. Und dann brauchst du 20 oder 25 Minuten. Das geht ganz schön an den Kopf.

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6.432 gottverdammte Meter

Was geht ab auf 6.400 Metern Höhe? Wie ist es so weit oben?

Wir hatten eine schöne Stelle und einen guten Tag erwischt. Normalerweise pfeift dort der Wind ganz ordentlich, aber bei uns war es recht ruhig. Und es war nicht wirklich kalt. Wir hatten dort wirklich Glück mit dem Wetter.

Was denkt man denn, wenn man dort oben steht, der Puls rast und man weiß, dass man gerade wortwörtlich über 99% der Menschheit steht?

Nicht viel. Du bist da. Der Berg ist da.

Philosophische Gedanken hat man da erstmal nicht. Die kommen später im Basislager. Da schaut man sich die Fotos an und denkt: „Holy Fuck! Da oben war ich!“. Und dann will man wieder hoch und erinnert sich im nächsten Moment daran, wie kaputt man dort war. Das ist schwer zu erklären.

Ich habe schon mit meiner Frau gesprochen, ob wir es in fünf Jahren noch einmal versuchen.

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Leben im Camp

Kilimandscharo, Aconcagua,…was kommt als nächstes?

Erstmal nichts. Klar denkt man, dass das der Urlaub seines Lebens war, aber das ist einfach unglaublich anstrengend. Und gerade auf diesen Höhen muss man wirklich vorsichtig sein mit seiner Gesundheit. Man bekommt Durchfall, wird sehr schnell müde…nichts, was man jedes Jahr gebrauchen kann.

Was passiert eigentlich, wenn man dort oben eine raucht?

Da ich nicht rauche, kann ich das nicht sagen. Aber ich habe eine Kippe dort oben gesehen. Wahrscheinlich explodiert man oder so.

Aber nochmal dazu, was ich gefühlt habe: wenn man dort oben ist, macht man zwar Fotos und so, ist aber so benebelt, dass man sich erst später, wenn man die Fotos sieht, denkt: „Shit, war das schön!“. Das „Wow!“ kommt mit einer gewissen Verzögerung.

Dort oben gibt es nur Sterne, Staub und Schnee.

Welches Bild kommt dir spontan, wenn du heute an den Berg denkst?

  • Als wir auf 5.500 Metern waren, mussten wir Wasser holen. Was dort bedeutet mit dem Pickel Eis aus einem zugefrorenen See zu schlagen. Ich bin zu dem See gegangen, mit leeren Flaschen bepackt, die ca. 5 Kilogramm gewogen haben, jedenfalls in der Höhe, und habe mich gefragt: „Hey, what the fuck! Was machst du hier?“. Da habe ich das alles infrage gestellt. Das war ein starkes Gefühl.
  • Oder die erste Nacht im Basiscamp. Die Bergwand war recht nah und als die Sonne untergegangen ist und sie angestrahlt hat, das war, als stünde man gerade in Kontakt mit einem Gott. Unglaublich.
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Sonnenuntergang
  • Und die Nächte. Der Himmel war so voller Sterne wie ich es noch nie gesehen habe.
  • Oder eines Nachts auf 3.200 Metern. Ich musste raus und aufs Klo und habe mir meine Stirnlampe genommen. Als ich draußen stand, habe ich gemerkt, dass ich sie gar nicht benötige, weil der Mond so voll und hell war, dass ich den Weg auch ohne Stirnlampe sehen konnte.

Dort ist es auch so wild, dass es dort, abgesehen von ein paar Kräutern, keine Vegetation gibt.

Nur Sterne, Staub und Schnee.

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Aufstieg

Was rätst du jemandem, der den Aconcagua besteigen möchte?

Ich glaube Expeditionserfahrung zu haben ist gut. Wie baut man in solcher Höhe ein Zelt auf, wie bedient man den Gaskocher. Ansonsten seine eigene Taktik zu haben. Wir waren abhängig von unserem Veranstalter. Ich würde empfehlen, die Abhängigkeit bis auf ein gesundes Mass zu minimieren. Und definitiv die beiden Zwischenlager vor dem Gipfel ausnutzen. Akklimatisierung und die richtige Kleidung sind natürlich extrem wichtig.

Und sich nicht zu sehr auf Gipfel zu fixieren. Dann konzentriert man sich nämlich nur auf sich selbst und das ist nicht gut. Und man muss gut mit Menschen kommen. Dort oben kommt der wahre Charakter nämlich schnell zum Vorschein. Daher sollte man so eine Tour auch mindestens zu zweit planen und machen, damit man eine Vertrauensperson an der Seite hat.

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Berg mit Blick

Letzte Frage: warum stehst du morgens auf?

Weil das Leben Spaß macht. Auch wenn die Arbeit mal nervt oder man Probleme hat: ich stehe morgens auf, steige auf mein Fahrrad, treffe Freunde und am Ende des Tage denke ich mir: naja, vielleicht nicht alles optimal, aber ich will mein Leben weiter pushen. Und möchte Spaß haben. Und weil ich mich auf die neuen Ideen meiner Frau Anna freue.


 

Interview geführt im April 2015

Alle Fotos mit freundlicher Genehmigung des Urhebers

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